308 Adressen an Döllinger.
fassungsbau der älteren Kirche zerrüttet und die ärgsten Mißbräuche
in der Kirche erzeugt, genährt und festgehalten hat. Als Bürger
endlich muß ich sie von mir weisen, weil sie mit ihren Ansprüchen
auf Unterwerfung der Staaten und Monarchen und der ganzen
politischen Ordnung unter die päpstliche Gewalt und durch die
eximirte Stellung, welche sie für den Klerus fordert, den Grund
legt zu endloser verderblicher Zwietracht zwischen Staat und Kirche,
zwischen Geistlichen und Laien. Denn das kann ich mir nicht verbergen,
daß diese Lehre, an deren Folgen das alte deutsche Reich
zu Grunde gegangen ist, falls sie bei dem katholischen Theil der
deutschen Nation herrschen würde, sofort auch den Keim eines unheilbaren
Siechthums in das eben erbaute neue Reich verpflanzen
würde.“
Dieses Döllinger'sche Schreiben erregte die größte Begeisterung
unter allen denjenigen Katholiken, welche der Ansicht waren,
daß die Koncilsmajorität vom 18. Juli 1870, worunter die 300
päpstlichen Kostgänger, mit dem heiligen Geiste nicht bloß sonst,
sondern ganz besonders an jenem Tage auf einem sehr gespannten
Fuße gestanden habe. Sämtliche Professoren und Docenten der
Universität München, mit Ausnahme der Theologen und sechs anderer,
erließen am 3. April eine Adresse an Döllinger, worin sie
ihn beglückwünschten, daß er, „auf den Scheideweg gestellt zwischen
einer sogenannten demüthigen Unterwerfung, die ohne Rücksicht auf
Recht und Wahrheit von ihm gefordert werde, und zwischen einer
schweren, aber unerläßlichen Pflichterfüllung, männlich die richtige
Bahn erwählt und das Recht der freien wissenschaftlichen Forschung
gewahrt habe."“ Im nämlichen Sinne drückte sich eine von einer
großen Anzahl Würzburger Professoren unterschriebene Adresse, eine
Adresse der katholischen Studenten Baierns, Oestreichs und der
Schweiz, eine römische Adresse und eine Menge anderer von bedeutenden
Persönlichkeiten, abgefaßten Schreiben aus. Der Erzbischof von
München dagegen hütete sich wohl, eine gelehrte Disputation über
das Dogma zu veranstalten; viel bequemer schien es ihm, in seinem
Hirtenbrief vom 2. April in dem diesen Unfehlbaren so wohl anstehenden
mittelalterlichen Stil den Kirchenhistoriker Döllinger zu
belehren, daß er sehr Unrecht habe, wenn er eine vom Koncil bereits
entschiedene Sache erst noch entscheiden wolle; wenn er die
historische Forschung über die Kirche stelle; wenn er die Koncils-