Ranke: Nein, sondern nur den Fortschritt des menschlichen
Geschlechtes; das Individuum hingegen muß sich
immer zu einer höheren moralischen Stufe erheben.
K.M.: Da aber die Menschheit aus Individuen zus
sammengesetzt ist, so fragt es sich, ob, wenn das Individuum
zu einer höheren moralischen Stufe sich erhebt,
dieser Fortschritt nicht auch die ganze Menschheit um-=fassen
wird.
R.: Das Individuum stirbt; es hat ein endliches Dasein;
die Menschheit dagegen ein unendliches. In materiellen
Dingen nehme ich einen Fortschritt an, weil hier
eines aus dem anderen hervorgeht; anders in moralischer
Beziehung. Ich glaube, daß in jeder Generation die wirk>
liche moralische Größe der in jeder anderen gleich ist,
und daß es in der moralischen Größe gar keine höhere
Potenz gibt; wie wir denn z.B. die moralische Größe
der Alten Welt gar nicht übertreffen können. Es kommt
in der geistigen Welt sogar häufig vor, daß die intensive
Größe zu der extensiven in umgekehrtem Verhältnis steht;
man vergleiche unsere heutige Literatur mit der klassischen.
K.M.: Sollte man aber nicht doch annehmen dürfen,
daß die Vorsehung, unbeschadet der freien Selbstbestimmung
des einzelnen, der Menschheit im ganzen ein gewisses
Ziel gesteckt hat, auf welches dieselbe, wenn auch
nicht gewaltsam, hingeleitet wird?
R.: Dies ist eine kosmopolitische Hypothese, die man
aber nicht historisch nachweisen kann. Wir haben hierfür
zwar den Ausspruch der Heiligen Schrift, wonach
einst nur ein Hirt und eine Herde sein wird; aber bis
jetzt hat sich dieses noch nicht als der herrschende Gang
der Weltgeschichte ausgewiesen. Dafür dient zum Beweise
die Geschichte Asiens, welches nach Perioden der
srößten Blüte wieder in die Barbarei zurückgefallen ist.
K.M.: Ist nicht aber doch jetzt eine größere Anzahl
von Individuen zu einer höheren moralischen Entwicklung
gediehen als früher?
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