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lich bleiben. Wie der zähe Fleiß und das Geschick unserer
Landwirte es erreicht hat, daß unser von Natur
minder ergiebiger Boden reichere Früchte trägt als der
von der Natur bevorzugte anderer Völker, so steht es
auch mit unserer geistigen Arbeit: wir sind namentlich
groß durch das, was eignes Tun aus uns macht.
Wenn schon dies dahin wirkt, unsere Kultur zu einer
Kultur der Tat, nicht des bloßen Genusses zu gestalten,
so hebt sich unser Wirken weiter dadurch. ban unser
Wesen zwei Hauptbewegungen in sich trägt,
die sich nicht unmittelbar miteinander ausgleichen
lassen, sondern deren Ausgleichung den Gewinn eines
neuen Standorts, ja eine innere Hebung des gesamten
Wesens fordert. Uns Deutsche drängt es nämlich
einerseits in die sichtbare Welt hinein zu rüstigem
Wirken und Schaffen, andrerseits aber treibt es uns
in das Innere der Seele, um hier ein Reich der Innerlichkeit
zu errichten und die Außenwelt darin umzuwandeln.
Diese Bewegungen könnenleicht einander widersprechen
und sich gegenseitig schädigen, aber ihr Gegensatz
hält unser eben in unaufhörlicher Spannung
und verhindert ein Erstarren in Verfolgung einer besonderen
Richtung. Diese Elastizität des deutschen
Geistes hat das 19. Jahrhundert mit besonderer Klarheit
erwiesen, ihr dürfen wir auch für die Zukunft vertrauen,
sie läßt uns mit Sicherheit hoffen, daß die
gewaltigen Erschütterungen dieses Weltkrieges sich
schließlich auch unserer Kultur fruchtbar erweisen werden.
Wenn ein Volk, daß soviel an sich selbst zu arbeiten
hat, sich des Ansturms der halben Welt, ja
mehr als der halben Welt zu erweehren hat, und wenn
es das mit Einsetzung aller seiner Kräfte tut, so müßte
es wunderlich zugehen, wenn das, was es dabei tut
und erfährt, es nicht auch innerlich weiterbilden und
durch solche Weiterbildung auch seine Kultur vor neue
Aufgaben stellen und zu neuen Höhen führen sollte.
Indem der Krieg zu einem Handeln aufruft, das
den ganzen Menschen verlangt und höchste Gefahr
enthält, klärt er uns in einzigartiger Weise über den
wirklichen Stand der Dinge auf; er tut das, indem er
sowohe viel Schein zerstört als eine sonst verdunkelte
Wahrheit in voller Klarheit erkennen läßt.
Der Krieg reißt zunächst unbarmherzig dem Schein
die Maske ab, welcher dem Durchschnittsstand der Kultur
zähe anzuhaften pflegt. Denn es neigt diese
Durchschnittskultur dahin, das Leben möglicst bequem
zurechtzulegen, alles Störende aus den Augen
zu rücken, Menschen und Dinge weit besser erscheinen
zu lassen, als sie in Wahrheit sind. Schöne Worte
gelten ihr als Taten, blinkende Rechenpfennige als
Gold. Solche Scheinhaftigkeit empfinden wir heute
besonders stark im gegenseitigen Verhältnis der Nationen.
Die Neuzeit hat eine besondere Größe darin,
die verschiedenen Kulturvölker zu voller Ausprägung
ihrer Eigentümlichkeit zu führen, sie als gleichberechtigte
Glieder in eine ruchtbare Wechselwirkung zu
bringen; das Leben der Menschheit hat dadurch
früheren Epochen Legenüber weit mehr Reichtum und
weit mehr innere Bewegung erlangt. Aber solche Gemeinschaft
geistigen Strebens galt leicht auch als eine
Befreundung der Gesinnung, auch die moderne Art
des Verkehrs mit ihrer Erleichterung gegenseitiger Berührungen
Heste die Menschheit chr als einen festen
Zusammenhang dar, in dem gegenseitige Schätzung
und Bereitschaft zur Förderung walte. Oft ward mit
Posaunenstößen eine Solidarität der Völker verkündet,
und auf internationalen Kongressen konnte man
sich oft nicht genug gegenseitig Weihrauch streuen.
IV. Kultur und Geistesleben
Wieviel Schein darin war, das müssen wir heute
schmerzlich erfahren. Sehen wir doch, wie fremd die
Völker einander im Grunde sind, wie wenig sie sich
verstehen, welche Entstellungen und Verzerrungen
des Bildes anderer möglich Send. nicht minder ses
wir, wie die Verfolgung des eigenen Interesses auch
grenzenlose Unbill und wildesten Haß zu rechtfertien
schem. Eine völlige Verwirrung des sitllichen
rteils ist eingetreten, nichts vielleicht ist dafür bezcichnender
als die Tatsache, daß hochstehende englische
Geistliche und Gelehrte dem italienischen Volle zu
seinem Eintritt in den Krieg, der doch ein offenbarer
Treubruch war, in einer gemeinsamen Adreßse
glaubten, ihre Hochachtung versichern zu sollen. Der
Treubruch also fand Ehre und Lob, weil er dem englischen
Interesse diente! Und das bei den Spitzen der
Nation! Wir wollen nicht vergessen, daß in den Ausbrüchen
von Gehässigkeit und moralischer Verblendung
vieles auf die Leidenschaft des Augenblicks
kommt, aber der Augenblick hätte die Gemüter nicht
so weit fortreißen können, hätte in ihnen nicht schon
viel Abneigung und Haß gegen die Deutschen geschlummert.
Im großen und ganzen haben wir von
der Menschheit viel Enttäuschung erfahren, und wir
müssen erkennen, daß, so wie deser Begriff sich heute
darstellt, er viel hohlen Schein in sich trägt. Früher
ab ihm die Religion, dann eine Vernunftkultur cine
innere Begründung und sheiher diese Grundlagen
wurden vom überwiegenden Zuge der Neuzeit aufgegeben,
trotzdem redete man in hohen Tönen von
der Menschheit und glaubte in ihr ein festes Band
und ein verpflichtendes Ziel für alle Völker zu finden.
Sicherlich hat private Liebeslätigkeit an humaner
Gesinnung auch jetzt viel geleistet und dabei die
Scheidewände der Völker durchbrochen, aber im Verhalten
von Volk zu Volk scheint der Gedanke der Huma—-nität
oft völlig ausgelöscht; wir sehen deutlich, daß er
noch nicht genügend fest in unserem Wesen verankert
ist und daß seiner üblichen Fassung viel Unwahrheit
innewohnt. Aber wenn uns Deutschen durch solche
schmerzliche Erfahrungen der Internationalismus
in der üblichen Fassung arg verleidet ist, sa.
wenn er mit der Forderung, unsere nationale Art
zugunsten eines charakterlosen Völkerbreies preiszueben,
entschiedenste Abweisung verdient. so behält der
Hedauke einer internationalen, vom Gedanken der
Menschheit beherrschten Kultur ein gutes Recht: nur
muß er sich nach den Erfahrungen des Krieges von
Flachheit und Scheinhaftigkeit aufs gründlichste befreien.
Es ist fehlerhaft und elähr als schon erreicht
zu behandeln, was in Wahrheit als hohes Ziel
vorschwebt.
Der Krieg hat uns auch im inneren Leben der
Völker viel Hohlheit und Unwahrheit aufgedeckt. Man
hat gemeint, daß die Durchführung einer möglichst unbegrenzten
parlamentarischen Verfassung volle Freiheit
verbürge, daß sie die überzeugung und den Willen
eines Volkes rein zum Ausdruck bringe. Aber der
Krieg hat gezeigt, daß mit formaler Freiheit stärkste
Gebundenheit Hand in Hand gehen kann; er hat geeigt,
wie kleine, aber zielbewußte und rücksichtslose
inderheiten das Ganze des Volkes einschüchtern und
tyrannisieren, ja, ihm die eigenen Meinungen einflößen
können; er hat gezeigt, wie wehrlos diesog.
öffentliche Meinung einer geschickt geleiteten
Presse gegenübersteht. Galt diese öffentliche Meinung
früher wohl als ein Ausdruck der Vernunft, ja, als
eine Stimme Gottes, so mußten wir uns überzeugen.
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