Full text : Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

März  30.

292  1611  118.

hatt  die  enge  passe,  so  auff  Baiern  vnd  Passaw  gehen,  dardurch  nur
sonsten  die  saumros  gehen  konnen,  ofinen  vnd  ganze  herstrassen  machen
lassen,  wil  auch  wider  geschens  keiserlich  gebott  vnd  den  von  sich
gegebenen  reuers,  handtt  vnd  sigel  nicht  abdancken,  ehe  dan  vnd
zuvor  1)  ihm  seine  in  Ostereich  eingezogene  gütter  restituiret,  2)  die
herschafft  Crummaw  eigenthumblich  so  lange  verschriben,  bis  ehr  sich
aller  schaden,  so  ehr  gelitten,  erholett,  3)  das  Dennagel  vnd  ander
gefangene  losgelassen  4)  vnd  den  sambtlichen  officiren  vnd  kriegsleuten
  generalpardon  gegeben  sey.!  Ich  habe  mich  aber  so  stark
bemuhett,  das  I.  M.'  dessen  ungeachtet  ein  scharffes  monitorium
abgehen  lassen?  vnd  nochmals  die  abdankung  innerhalb  acht  tagen
ihns  wergk  zu  richten  sub  poena  banni  gebotten  haben,  wiewohl  sich
leutte  gefunden,  so  sich  solches  vmbzustossen  gar  hoch  bemuhett.?

Vnd  aus  obgeseztem  allem  hatt  mein  bruder  zu  vernemen,  wie
geferlich  die  sachen  mitt  der  ksl.  M.'  persohn  stehen  vnd  weil  es  ein
solch  werk,  das  sich  dises  feuer,  so  ihn  Vngern  angefangen  vnd
durch  Ostereich  vnd  Mehren  anhero  sich  begeben,  zur  bosen  consequenz
leichtlich  ihn  ganz  Teutschlandtt  vorstrecken  vnd  ein  generalrebellion
bey  aller  chur-  vnd  fursten  vnterthanen  erwecken  kontte,  als  hastu
neben  andern  chur-  vnd  fursten  wol  auffzuschaun.  Es  ist  mir
dise  sache  allein  zu  hoch  vnd  zu  schwer.  Mitt  des  konniges
persohn  hette  es  enttlich  keine  streitt,  wie  aber  die  Bohmen,  so  das
schwertt  ahnizo  ihn  handen  haben,  zu  stillen,  da  sehe  ich  wenig
mittel,  dieweil  sie  keine  rationes  oder  admonitiones  admittiren.?

Vor  mein  persohn,  weyl  es  leider  zu  solchen  extremitatibus
kommen  vnd  ich  ander  gestalt,  wie  gern  ich  auch  woltte,  I.  M.*  nicht
dienen  kan,  stehe  ihn  bemühung,  ob  es  dahin  zu  handeln,  das
I.  M.'  proprio  motu  zu  versicherung  kunftiger  succession  die  kronung

i  Vgl.  oben  no.  114.

?  Vgl.  Anm.  2  auf  Seite  283  zu  no.  114.

°  Der  Agent  eines  evangelischen  Fürsten,  vielleicht  Philipp  Ehem,
bezeichnet  Hannewald,  Hegenmüller  und  den  Reichshofratspräsidenten  Grafen
Hohenzollern  als  diejenigen,  die  das  scharfe  Verfahren  gegen  die  Passauer
widerriten  (Bericht  aus  Prag  vom  20./30.  März:  U.,  Unionsacta,  XXI.,
no.  2101).  —

*  Ueber  die  „Insolenz“  der  Böhmen  klagt  auch  Friedrich  Graf  Fürstenberg
  (Schreiben  an  König  Matthias  vom  26.  März  in  Wi.  I  A  1,  Ka.  2991;
Or.  eigh.).  Erasmus  Tschernembl  schreibt  an  den  oberpfälzischen  Rat  Theophil
Richius  am  29.  März  über  das  böhmische  Unwesen  :  „Viel  hette  bissher  mögen
durch  die  Böhemen  ihnen  selbst  und  uns  zu  gutem  leichtlich  remedirt  werden,
wan  nicht  die  forcht  der  offension,  die  sorg  der  aussgab,  die  blindheit,  die
hoffnung  eines  vortheils  hetten  unsere  benachbarten  Böhemen  beinahent  ohne
unterscheid  alles  schadens,  nachthail  und  gefahr  der  religion,  freiheit  und
guts,  ja  ihrer  nachkommen  vergessent  und  unempfintlich  gemacht“  (De,
A  9a,  Ic,  no.  8;  Kopie).  Auch  Pfretzschner  klagt  in  dem  oben  (8.291,  Anm.  4)
angeführten  Bericht:  „Es  gehet  leider  gar  ubel  zu,  ist  eine  pur  lauter  confusion,
  dardurch  nichts  anders  verrichtet  als  das  konigreich  ausgesogen  und
in  eusserste  armuth  und  verderben  gesetzt  wird.“  Ueber  die  Haltung  der
Böhmen  gegen  den  Herzogvon  Braunschweig  vgl.oben  no.  114  u.  Anm.3  auf.  282.