— 560 —
Schichten variirende und differirende Bildung des individuellen
Rechtsbewusstseins mit sich bringt, — so kann dieser Theil des
PostT’schen Buches den besten Ausführungen über die anthro- pologischen
Grundlagen des Rechts zur Seite gestellt werden.
| Der Hauptvertreter der ethnologischen Methode versteht es hier
;in seltenem Maasse alle Fäden seines Systems gleichzeitig in
Händen zu behalten. Nicht so an anderen Stellen, wo ein tieferes
Eindringen in den Geist der Arbeit leicht Nachzügler an den
Tag fördert, die alles Vorhergesagte wieder aufzuheben trachten;
nur müssen sie freilich unter der zuweilen bestechenden Diktion
des Werkes sorgfältig hervorgeholt werden. So namentlich in
den Abschnitten über Rechtsbrüche und Ausgleichsakte und in
dem an „die Tücke des Objekts“ erinnernden Capitel über die
Entwicklungsgeschichte des Verschuldens. — Mit diesen Einschränkungen
lassen wir die principiellen Ausführungen Post’s
auf uns einwirken, seine Bilder aus der Entwicklungsgeschichte
des Rechts, wie seine stellenweise überaus treffenden Angaben
über den zwischen Sitte und Recht allmählich sich vollziehenden
Prozess der Differenzirung. Während er aber wiederholt im
ältesten Recht ohne Regel, ohne Prozess, ohne Urtheil das zu
Gunsten der Erhaltung des socialen Gleichgewichtes eingreifende
Walten und Wirken des „Unbewussten“ betont, gesteht er auch
gleichzeitig ein, dass es schwer sei, sich von einem derartigen
Rechtszustande einen Begriff zu machen, wenn man in unseren
modernen Rechtsanschauungen befangen ist. Die Vermittlung
sucht er aus dem folgenden Gedankengang zu gewinnen: Wie
es im Völkerleben überall noch Reste aller Entwicklungsstufen
und Rückschläge auf längst vergangene Zustände gibt, so gibt
es auch noch in unserem heutigen Leben Reste jenes Urrechts,
und Rückschläge in dasselbe, und diese sind am geeignetsten,
uns ein anschauliches Bild desselben zu gewähren. (Seite 39).
Der letztere Gedanke, der, wenn wir so sagen dürfen, das
Prinzip der Solidarität der menschlichen Oultur als vorbewiesen
annimmt !®), wird fortan zum Leitmotiv des Post’schen Werkes;
18) Uebereinstimmend mit DaBaun (a. a. O. S. 4) dessen Meinung nach
das Hauptergebniss der Völkerkunde die Erkenntniss der physiologischen und
psychologischen Einheit des Menschengeschlechtes sei „und die darauf fussende
Veberzeugung: — der Zustand der noch jetzt lebenden Wilden spiegele den
längst vergangenen und vergessenen Urzustand der Culturvölker treu, wenn