thumbs : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

570  III,  2.  Ansänge  der  Regierung  Kaiser  Wilhelms  II.

die  Zügel  der  Regierung  ergreifen  und,  unerdrückt  von  der  unermeßlichen  Verantwortung,  thun,
was  seines  Amtes  ist.“

Auch  die  herzliche  Zuneigung  und  innige  Verehrung  für  den  Fürsten
Bismarck,  welche  Hintzpeter  bezeugt,  und  welche  Kaiser  Wilhelm  vor  und  nach  seiner
Thronbesteigung  dem  Kanzler  oftmals  in  rührender  Weise  offenbarte,  auch  diese  Empfindungen
  hatte  sich  Prinz  Wilhelm  durch  eisriges  Studium  der  deutschen  Geschichte  und
Politik  selbständig  angeeignet,  trotz  sehr  gegenteiliger  Einflüsse  und  Einflüsterungen  in
jüngeren  Jahren.  Denn  ihren  ersten  deutschen  Geschichtsunterricht  hatten  die  jungen
Prinzen  daheim  von  der  Gräsin  Neventlow  erhalten,  einer  unversöhnlichen  schleswigholsteinischen
  Preußenhasserin,  welche  die  Söhne  des  Kronprinzen  von  Preußen  in  dem
Sinne  in  die  neneste  Geschichte  ihres  Vaterlandes  einführte,  daß  sie  die  prenßischen  Annexionen
  des  Jahres  1866  kurzweg  als  „Räuberstreich“  bezeichnete.  Die  erste  Hofcharge
am  kronprinzlichen  Hose,  die  Gattin  des  Dichters  Gustav  zu  Putlitz,  legte  ihr  Amt
nieder,  weil  ihr  tadelnder  Einspruch  gegen  die  von  der  Gräsin  Reventlow  beliebte  Art
und  Tendenz  des  Geschichtsunterrichts  an  preußische  Prinzen  an  maßgebender  Stelle  (bei
der  Kronprinzessin)  nicht  ausreichende  Unterstützung  erfuhr.  Einen  ungünstigen  Eindruck
  von  der  geschichtlich-politischen  Vorbildung  des  Prinzen  Wilhelm  erhielt  anch  der
berufenste  Beurteiler,  der  Professor  der  Geschichte  in  Bonn,  Dr.  Wilhelm  Manrenbrecher,
  als  Prinz  Wilhelm  1877  dorthin  als  Student  kam.  Nachdem  Maurenbrecher
1884  nach  Leipzig  versetzt  worden  war,  erzählte  er:  beim  ersten  Besuche  des  Prinzen
  Wilhelm  sei  er  förmlich  erschrocken  über  die  Ansichten,  welche  der  Prinz  betreffs  der
neuesten  Geschichte  und  Politik  Deutschlands  und  besonders  über  den  Fürsten  Bismarck
äußerte,  und  habe  deshalb  dem  Prinzen  vorgeschlagen,  neben  dem  von  diesem  bereits
belegten  ösfentlichen  Kolleg  Maurenbrechers  ein  Privatissimmm  über  neueste  deutsche
Geschichte  bei  Maurenbrecher  zu  hören.  Das  habe  der  Prinz  frendig  augenommen.

„Als  Prinz  Wilhelm  von  Bonn  und  von  mir  schied“,  fügte  Manrenbrecher  hinzu,  „war
er  ein  glühender  Bewunderer  des  Fürsten  Bismarck  und  des  geschichtlichen  Lebenswertes  dieses
Staatsmannes  geworden.  Daß  mir  vergönnt  war,  das  zu  erreichen,  soll  immerdar  der  grösilce
Stolz  meines  Wirkens  bleiben.  Wenn  ich  selbst  kein  Werk  geschrieben  hätte,  keine  Schüler  zu
Geschichtsforschern  gebildet,  nicht  in  jeder  meiner  Vorlesungen  Hunderte  erwärmt,  begeistert  und
belehrt  hätte,  so  bliebe  mir  noch  immer  das  schönc  Bewußtsein:  Du  hast  den  künftigen  deuischen
Kaiser  mit  der  wirklichen  gegenwärtigen  Geschichte  seines  Volles,  ihrer  Größe  und  Herrlichkeit
vertrant  gemachk,  ihn  erfüllt  mit  deutschem  Sinn  und  Streben  und  vor  allem  mit  herzlicher
Verehrung  für  den  Gründer  und  Wächter  des  Deutschen  Reiches,  den  Füriten  Bismarck"“

Die  Schrift  von  Hintzpeter  weiß  nichts  von  diesen  Mängeln  im  deutschen  Geschichtsunterricht
  des  Prinzen  Wilhelm  bis  zu  dessen  Siudium  an  der  Universität  Bonn
zu  berichten.  Vermutlich  nur  deshalb,  weil  der  Verfasser  der  „Skizze  nach  der  Natur“
diese  Mängel  entweder  nicht  beachtet  oder  nicht  empfunden  hat.  Sehr  erwähnenswert
  wären  sie  gewesen;  namentlich  da  sich  daran  eine  für  den  Prinzen  höchst  ehrenvolle
Ausnahme  von  der  in  der  Hintzpeterschen  Schrift  fesigestellten  Regel  knüpfte,  daß  der
Prinz  sich  auch  unter  den  mächtigsten  äußeren  Einwirkungen  nicht  verändert  habe.

Seine  Begeisterung  für  den  Fürsten  Bismarck  bezeigte,  der  junge  Kaisersohn,  wie
bereits  erwähnt,  schon  als  Prinz  und  Krouprinz,  so  oft  er  konnte.  Die  rührendste  und