Die Reformation. 145
Der mittlerweile zwischen Spanien und Frankreich ausgebrochene
Krieg entführte den Kaiser auf lange Zeit aus
Deutschland und wendete seinen Blick von den kirchlichen
Fehden hinweg, dem politischen Kriegsschauplatze zu. Hierdurch
verlor das Wormser Edict seinen eigentlichen Repräsentan-=ten
und Vollzieher und vegetirte, weil es denn einmal da
war, beinahe vollig unschädlich weiter. So sproßte, ohngeachtet
Luther's persdnlicher Abwesenheit, die Reformation
muthig auf. Ihre Freunde bekannten sich immer offener zu
ihr und, in ihrer unverstecktern Ausübung, ward auch ihr
unverdächtiger, reiner Sinn immer mehr erkannt, die Vorurtheile
gegen sie immer mehr eingeengt, und ihr Anhang
wuchs von Tage zu Tage bedeutender. Daher verloren die
Gegenmaßregeln ihrer Widersacher auch immer mehr am
wirksamen Erfolge; obschon man hin und wieder mit vieler
Anstrengung ihr entgegenwirkte. So untersagte z. B. Herzog
Georg, unter den schärfsten Strafen, die Ausbreitung
Lutherischer Grundsätze, schränkte seine Universität Leipzig
bedeutend ein, unterdrückte die Bibel und jagte aus dem
Lande, wer nur im Entferntesten sich dem evangelischen Gottesdienste
näherte. Der Konig Heinrich VIII., der vergeblich
Candidat des deutschen Thrones gewesen war, trat jetzt,
jedoch mit wenig besserm Erfolge, als Candidat der Theologie
auf. Er verfaßte eine Schrift über die 7 Sacramente,
in welcher er einen Angriff auf Luthern unternahm, von
diesem aber, in einer Entgegnung, so füärchterlich zurückgeworsen
wurde, daß er sich ergrimmt an den Churförsten
Friedrich wendete und diesen, um seines eignen Besten willen,
aufforderte, Luther und dessen Anhänger ohne alles
Erbarmen zu vertilgen. Dies geschah freilich nicht, doch
hatte sich Luther durch den zu leidenschaftlichen Styl, welchen
er sich gegen den Kdnig Heinrich gestattete, selbst die
Mißbilligung seiner Freunde zugezogen und in Heinrich selbst
die Würde der ihm vefreundeten Fürsten verletzt, ja mittelbar
dem Gedeihen seiner Lehre selbst dadurch geschadet, indem
seine Gegner nunmehr behaupten konnten, daß die Reformation
sogar die Würde und Unverletzbarkeit der Throne
IV. Heft. 10