612 Bismarcks Telegramm vom 15. Juli.
aus bayrischen und badischen Truppen hin, bei französischer Einmischung zu
Preußen übergehen zu wollen, und weckte die Reminiszenz an die Sachsen bei
Leipzig. Fortschritt und Demokratie seien in Preußen zu jedem Opfer für einen
Krieg gegen Frankreich bereit, und es erscheine die volle Entzündung des nationalen
Geistes gegen solche Eventualität tunlich. Dies alles sei für Goltz
persönlich bestimmt, behufs Festigkeit gegen Drohung. Bezüglich der Bedingungen
sprach sich Bismarck jetzt etwas abweichend von dem, was er kurz vorher
gesagt hatte, aus. Bekomme man Hessen und entweder Hannover oder
Sachsen oder die Hälfte von jedem der beiden letzten, und eine Grenzregulierung
gegen Ssterreich, deren Gesamtergebnis geringer als Ssterreichisch-Schlesien
sein könne, und den Norddeutschen Bund, so könne der Friede in
24 Stunden abgeschlossen sein, und zwar ausschließlich durch französische Vermittlung.
Wolle Frankreich, statt die Pflichten der übernommenen Mediation
zu erfüllen, Preußen an England und Rußland verweisen, so sei der direkte
Weg dahin kürzer und offen. Von den Elbherzogtümern hielt er es für richtig,
gar nicht zu sprechen, sondern Preußens Besitz als selbstverständlich vorauszusetzen.
Daraus erhellt unzweifelhaft, daß Bismarck die Gefahr eines französischen
Krieges nicht als so nahe bevorstehend ansah, wie Goltz, und sich von festem
Auftreten gegen Napoleon mehr versprach, als von Nachgiebigkeit.: Er rechnet
durchaus auf eine Verständigung mit ihm. Ebenso sieht man daraus, daß der
Umfang der Annerionen bei ihm noch nicht ganz feststeht; nur einen ungefähren
Gesamtbetrag hat er vor Augen, der aber durch die Summierung
verschiedener Einzelposten erreicht werden kann. Gegen die teilweise Annexion
von Sachsen und Hannover zeigt er keine prinzipielle Abneigung, wenn
es ihm auch offen ar lieber wäre, eines dieser Länder ganz zu bekommen. Kurhessen
scheint er auf jeden Fall ganz für Preußen behalten zu wollen. Der Gesamtumfang
bleibt hinter dem, was später erlangt wurde, noch etwas, wenn
Es ist bemerkenswerk, daß Bismarck hler keinen Vorbehalt in betreff Italiens macht,
dessen Justimmung doch offenbar in 24 Stunden nicht zu beschaffen gewesen wäre.
* Anders Sybel 274 f. Nach ihm soll Bismarck gerade infolge dieser Nachrichten von
Goltz dle Verständigung mit Frankreich als problematisch betrachtet und deshalb die Sendung.
Herrings nach Wien in die Wege geleitet haben. Uber die letztere Frage s. oben S. 604 Aum. r.
Auch kenz 70 und besonders 102 u. 106 f. überschätzt die Besorgnis Blsmarcks vor Napoleon.
Daß der Kaiser seit dem 11. Jull jeden Gedanken an feindliches Auftreten gegen Preußen
und Italien aufgegegeben hatte, konnte er freilich nicht wissen; aber auch für den Fall, daß
Napoleon mit Krieg drohen würde, wollte Bis marck nie über das am 9. Juli aufgestellte und
in den Besprechungen mit Benedetti noch näher umschriebene Minimalprogramm hinaus
Jugeständnisse an Frankreich machen. Auch später fürchtete er sich weniger vor Napolcon,
als davor, daß Osterreich nachher den Bedingungen eine andere Auslegung gebe wie Preußen,
daß dann die Verhandlungen scheitern könnten und dle durch den Wassenstillstand für weiteres.
Vordringen verlorene Zeit der Erholung Österreichs zugute kommen werde.