Full text : Der Mündliche Vortrag. Dritter Teil. Schönheit des Vortrags. (3)

188  Vortrag  des  Lyrischen.

Der  stolze  Gudunow,  mein  Todfeind,  muß
Zu  meinen  Füßen  kriechend  Gnade  flehen,
O  meine  heißen  Wünsche  sind  erfüllt!  —
Ich  soll  den  Sohn  verleugnen,  den  der  Himmel
Mir  durch  ein  Wunder  aus  dem  Grabe  ruft?
Ihm,  meines  Hauses  Mörder  zu  Gefallen,
Der  über  mich  unsäglich  Weh  gehäuft,
Die  Rettung  von  mir  stoßen,  die  mir  Gott
In  meinem  tiefsten  Jammer  endlich  sendet!  —
Nein,  du  entrinnst  mir  nicht!  Du  sollst  mich  hören
Ich  habe  dich,  ich  lasse  dich  nicht  los!
O  endlich  kann  ich  meine  Brust  entladen,
Ausschäumen  endlich  gegen  meinen  Feind
Der  tiefsten  Seele  lang  verhaltnen  Groll
Wer  war's,  der  mich  in  diese  Gruft
Der  Lebenden  verstieß,
Mit  allen  frischen  Kräften  meiner  Jugend?
Wer  riß  den  teuern  Sohn  mir  von  der  Seite
Und  sandte  Mörder  aus  ihn  zu  durchbohren!
O  keine  Sprache  neunt  was  ich  gelitten,
Wenn  ich  die  langen  hellgestirnten  Nächte
Mit  ungestillter  Sehnsucht  durchgewacht,
Der  Stunden  Lauf  an  meinen  Thränen  zählte!
Der  Tag  der  Rettung  und  der  Rache  kommt,
Ich  seh'  den  Mächtigen  in  meiner  Hand!  —
(Kräftig,  laut.)
In  Turn!?  Ihr  mißbraucht  die  kaiserliche  Gewalt!  In  Turn?
Das  ist  sein  Befehl  nichtt  Was?  Mir  erst,  die  Verräter,  eine  Falle
zu  stellen  und  ihren  Eid,  ihr  ritterlich  Wort  zum  Speck  d'rin  aufzuhängen!
  Mir  dann  ritterlich  Gefängnis  zusagen  und  die  Zusage  wieder
brechen!  —

Trügst  du  nicht  das  Ebenbild  des  Kaisers,  den  ich  in  dem  gesudeltsten
  Konterfei  verehre,  du  solltest  mir  den  Räuber  fressen  oder  d'ran
erwürgen!

Mit  Blut  schreib’  ich's  auf  seine  schöne  Stirn!
Er  hat  in  Schmach  und  Schande  mich  gestürzt,
An  Deutschland,  meinem  schönen  Vaterlande,
Der  Mordknecht,  zum  Verräter  mich  gemacht,
Den  Schandfleck  wasch’  ich  ab  in  seinem  Blute!  —
Du  kennst  sie  nicht?  Du  hast  sie  nie  gesehn?
Verdammte  Lüge!  Was!  Kenn'  ich  sie  nicht