Full text : Europäischer Geschichtskalender. Sechzehnter Jahrgang. 1875. (16)

Die  S##weil.  (Nov.  24.  —  Tez.  7.)  441

geordnete  in  den  Großen  Rath  zu  wählen  hal,  Einsprache  bei  ihm  erhoben
worden  sei,  und  er  der  Bundesversammlung  diese  Frage  in  ihrer  nächsten
Session  zur  Entscheidung  vorlegen  werde.  Jedensalls  halte  er  es  für  rathsam,
  wenn  der  Lesfiner  Große  Nalh  diese  Entscheidung  vor  jedem  weiteren
Vorgehen  in  der  Verfassungsrevision  abwarte,  damit  er  sich  nicht  der  Gefahr
aussetze,  falls  sein  Revisionswerk  nicht  in  Uebereinstimmung  mit  derselben
ausfällt,  die  Bundesgarantie  ihm  verweigert  zu  sehen.  Da  das  eidgenössische
Justiz=  und  Polizei-Departement  schon  vor  dem  bundesräthlichen  Beschlusse
dem  Tesfiner  Grosen  Rath  wohlmeinend  eine  ähnliche  Bemerkung  hat  zuzehen
  lassen,  ohne  daß  seine  ultramontane  Mehrheit  sich  in  der  Fortberathung
er  Verfassungsrevision  stören  ließ,  scheint  es,  als  ob  dieselbe  vor  einer  solchen
Gefahr  nicht  zurückscheue.

24.  November.  (Bern.)  Gr.  Rath:  Berathung  des  Budgets
für  1876:  Bei  dem  Abschnitt  „Kirchenwesen“  stellt  der  ultramontane
Jurassier  Folletete  den  Antrag,

den  Ansaß  von  110,000  Fr.  für  Besoldung  der  Geistlichen  der  katholischen
  Kirche  auf  20,000  Fr.  herabzusetzen  und  die  Regierungen  einzuladen,
  Vorschläge  für  Subventlonirung  auch  des  römisch-katholischen  Cultus
vorzulegen,  worauf  Regierungsrath  Bodenheimer  erwiedert,  es  sei  sekbstverständlich,
  daß,  wenn  sich  die  Römisch-Katholischen  den  Stantsgesehen  unterwersen,
  dieselben  gleich  den  Chrislkatholischen  ebenfalls  der  Staatsfubvention
theilhaftig  seien;  eine  besondere  Subvention  für  die  römische  Kirche  könne
der  Staat  nicht  zugeben.  Das  Budget  unterscheide  bloß  zwei  Culte  im  Allgemeinen,
  die  protestantische  und  die  kotholische  Kirche,  und  mache  bei  der
ersten  auch  keinen  Unterschied  zwischen  den  beiden  Richtungen,  den  Orthodoxen
  und  den  RNeformern.  Mit  großer  Mehrheit  wird  der  Antrag  Folletate“s
verworfen.

26.—27.  November.  (Tessin.)  Gr.  Rath:  lehnt  bei  Fortsetzung
seiner  Berathungen  über  die  Revision  der  Verfassung  den  Antrag,
den  38  Wahlkreisen  nach  den  Forderungen  der  Bundesverfassung  und
des  Bundesraths  eine  proportionelle  Vertretung  im  Gr.  Gathe  zu
gewähren,  mit  49  gegen  26  Stimmen  ab.  Am  folgenden  Tage  besinnt
  sich  die  ultramontane  Mehrheit  doch  wenigstens  halb  und  halb
eines  Bessern  und  beschließt  mit  Mehrheit,  neben  der  Verfassungsrevision
  ein  besonderes  Projekt  einer  proportionalen  Volksvertretung
im  Gr.  Rathe  der  Volksabstimmung  zu  unterbreiten.

29.  November.  (Genf.)  Bei  der  Installation  des  neuen
Staatsraths  erklärt  der  bisherige  Staatsraths-Präsident  Garteret,
er  habe  die  Wahl  angenommen,  um  gegen  Rom  zu  kämpfen;  die
neue  Regierung  werde  das  begonnene  Werk  fortsetzen  und  der  ultramontanen
  Agitation  auf  dem  Lande,  die  von  dem  vertriebenen  Bischof
  Mermillod  von  Frankreich  aus  angestiftet  sei  und  geleitet  werde,
mit  allen  Kräften  entgegenarbeiten.

7.  Dezember.  Zusammentritt  der  Bundesverfammlung.  Der
neue  Nationalrath  wählt  mit  84  gegen  20  Stimmen  den  Oberstl.