Full text : Spittler’s sämmtliche Werke. Fünfter Band. (5)

483

1708  eine  merkwuͤrdige  Bekanntschaft  mit  einem  Mecklenburgischen
  Fraͤulein  von  Graͤvenitz.  Der  Graf  von  Zollern,
der  sich  viel  am  Wirtembergischen  Hofe  aufhielt,  hatte  denselben
  diese  nicht  ganz  verbluͤhte  Schoͤnheit  entdecken  lassen,
und  der  gutmüthige  Prinz  war  mit  den  gewoͤhnlichen  Coquettenkuͤnsten,
  einer  zweckmäßig  abwechseluden  Sproͤdigkeit
und  Nachgiebigkeit  so  schnell  gefangen,  daß  ihn  die  Nachrichten
  seiner  redlichen  Hofleute  nicht  mehr  erretten  konnten.
Die  Herzogin  war  untröstlich,  ihren  Gemahl  verloren  zu  haben,
  verstund  aber  die  Kunsi  ihm  seine  Langeweile  zu  versüßen
  zu  wenig,  als  daß  sic  eine  unterhaltende  Nebenbuhlerin
  hätte  vergessen  machen  konnen.  Der  Hofprediger  that
sein  Amt,  die  alten  Rärhe  sagten's  dem  Herzog  wehmäthig,
daß  er  nur  einen  Erben  habe,  manche  Hofleute  vergassen,
daß  gerade  widersprochene  und  verbotene  Liebe  am  stärksten
reize,  selbst  der  kaiserliche  Hof  wurde  endlich  ins  Spiel  gezogen.
  Es  kam  ein  Rescript  von  Wien,  das  Fräulein  sollte
das  Land  räumen.  Sie  eilte  hinweg,  aber  der  Herzog  eilte
ihr  nach,  und  lebte  mit  ihr  in  ungestdrtem  Vergnügen  zu
Genf,  ohne  aus  Furcht  für  seinen  Räthen  irgend  etwas  zu
sparen,  was  ihrem  verschwenderischen  Geist  Freude  machen
konnte.

Die  arme  Herzogin  war  trostlos  verlassen  zu  Stuttgart,
und  mußte  sehen,  daß  man  es  im  Lande  noch  für  gut  hielt,
wie  ihre  erklärte  Nebenbuhlerin  im  Triumph  zurückkam,  um
einen  schicklichern  Namen  zu  führen,  einen  gewissen  Grafen
von  Würben  sich  antrauen  ließ,  welcher  den  Titel  eines  Landhofmeisters
  erhielt,  nur  damit  sie  Frau  Landhofmeisterin
  Ercellenz  heißen  konnte,  übrigens  aber  sogleich  mit
einer  ansehnlichen  Pension  wieder  abreiste,  und  seiner  vermeinten
  Gemahlin  die  Rolle  einer  ersten  Hofdame  hinterließ.