Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunzehnter Jahrgang. 1903. (44)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  19.)  65

Abg.  Dr.  Hasse  (nl.)  bedauert,  daß  man  in  der  Venezuelafrage  die
nordamerikanische  Vermittlung  angenommen  habe;  der  nordamerikanische
Gesandte  Bowen  habe  durch  sein  schroffes  Auftreten  das  Ansehen  Europas
geschädigt.  Man  hätte  noch  eine  moralische  Sühne  von  Venezuela  verlangen
  sollen.  Peinlich  habe  in  Deutschland  das  Auftreten  des  Gesandten
Speck  v.  Sternburg  berührt.  Kränkend  für  das  deutsche  Gefühl  sei  es,  daß
sich  in  Ungarn  ein  magyarisches  Willkürregiment  gegen  die  Deutschen
geltend  mache  und  daß  im  ungarischen  Reichstag  die  Deutschen  ungestraft
schnöde  beschimpft  würden.  Der  magyarische  Größenwahn  gefährde  den
Frieden  in  den  Donauländern.  Abg.  Dr.  Oertel  (kons.):  Der  deutsche
Handel  werde  Nachteile  haben  von  der  venezolanischen  Verwickelung.

Reichskanzler  Graf  v.  Bülow:  Meine  Herren,  wenn  ich  bei  der
Verteilung  der  Zensuren  durch  den  Abg.  Oertel  noch  leidlich  weggekommen
bin,  so  hat  der  Abg.  Hasse  gegen  mich  und  die  von  mir  geleitete  auswärtige
  Politik  eine  Reihe  scharfer  Angriffe  erhoben.  Der  Abg.  Hasse  ist  zunächst
  der  Ansicht,  daß  wir  von  Venezuela  mehr  hätten  erreichen  können,
daß  wir  in  dieser  Beziehung  mehr  hätten  herausschlagen  sollen.  Dem
Abg.  Hasse  genügen  nicht  die  materiellen  Zugeständnisse,  welche  uns  Venezuela
  zu  leisten  sich  bereit  erklärt  hat.  Er  verlangt  von  Venezuela  auch
noch  eine  besondere  Sühne.  Ich  möchte  wissen,  welche  Sühne  eigentlich
dem  Abg.  Hasse  noch  vorschwebt?  Wünscht  er,  daß  ich  dem  General  de  Castro
das  Verlangen  unterbreite,  etwa  einen  Sühneprinzen  zu  schicken?  (Heiterkeit.)
  Ich  gestehe,  daß  ich  an  dem  chinesischen  Sühneprinzen  genug  gehabt
habe.  (Große  Heiterkeit.)  Im  übrigen  bin  ich  der  Ansicht,  daß  Venezuela
uns  gegenüber  seine  materiellen  Verpflichtungen  erfüllt.  Wenn  der  Abg.
Hasse  so  viel  an  dem  auszusetzen  hatte,  was  wir  von  Venezuela  erlangt
haben,  so  vergißt  er  wieder  einmal,  daß  man  in  der  Politik  mit  den  gegebenen
  Verhältnissen  rechnen  muß;  er  vergißt,  daß  die  Verhältnisse  in

wirklichkeit  anders  liegen,  wie  sie  vor  der  Kritik  und  namentlich  vor  der
retrospektiven  Kritik  erscheinen.  Der  Abgeordnete  Oertel  hat  eben  an  die
Verhandlungen  im  englischen  Parlament  erinnert.  Dort  hat  ein  hervorragender
  englischer  Staatsmann,  Lord  Rosebery,  geäußert:  Bei  dem  Ausgange
  der  Venezuela-Angelegenheit  hätte  England  5500  Lstrl.  bekommen,
Deutschland  aber  68.000  Lstrl.,  also  ungefähr  zwölfmal  soviel.  Diese
Summe  repräsentierte  das  Verhältnis  des  Vorteils,  welches  England  bei
einem  Zusammengehen  mit  Deutschland,  und  zwar  in  der  letzten  Zeit  immer,
nur  gezogen  habe;  Lord  Rosebery  fügte  hinzu,  so  läge  es  bei  allen  Abmachungen,
  welche  England  mit  Deutschland  gehabt  hätte.  Ich  glaube,
daß  diese  Abwägung  von  Lord  Rosebery  arithmetisch  und  politisch  unzutreffend
  ist.  Ich  glaube,  daß  sowohl  bei  der  Venezuelaaktion,  als  bei  allen
den  Aktionen,  wo  wir  in  letzter  Zeit  mit  England  zusammengegangen  sind,
Licht  und  Schatten  gleichmäßig  verteilt  gewesen  sind.  Sie  können  aber
daraus  ersehen,  wie  das  Wort,  daß  niemand  als  Prophet  im  eigenen
Vaterlande  etwas  gilt,  ganz  besonders  für  die  Minister  stimmt.  Hüben
und  drüben  schießt  die  Kritik  über  das  Ziel  hinaus  und  vorbei.  Wir  haben
nach  meiner  Ueberzeugung  von  Venezuela  im  großen  und  ganzen  dasjenige,
  was  nach  Lage  der  Dinge  zu  schaffen  war,  erreicht,  was  wir  von
Anfang  an  angestrebt  und  verlangt  haben.  Mehr  zu  verlangen  und  durchsetzen
  zu  wollen,  wäre  nach  meiner  Kenntnis  der  Verhältnisse  in  Venezuela,
wie  nach  meiner  Beurteilung  der  internationalen  Verhältnisse,  ein  Fehler
gewesen.  Der  Abgeordnete  Frhr.  v.  Hertling  hat  vorhin  in  seinen  Ausführungen
  mit  Recht  darauf  hingewiesen,  daß  selbst  in  Deutschland  unser
Vorgehen  gegen  Venezuela  verschieden  beurteilt  worden  sei,  und  ebenso
von  den  Deutschen  in  Venezuela;  daß  ein  Teil  der  Deutschen  in  Venezuela

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