54 Kaiser Josef II.
persönlichen Neigungen Josefs II., der zwar Österreicher sein wollte,
es aber als selbstverständlich annahm, daß nur ein deutsches Österreich
existieren könne, in enger Verbindung mit dem wirklichen
Deutschland. Ihn deshalb im modernen Sinne deutsch-national zu
nennen, wäre verfehlt; für jene Tage paßt überhaupt dieser Begriff
gar nicht; hat ja selbst Friedrich der Große, ein Mann, der wie kein
anderer Großes für das kommende Deutsche Reich getan hat, nicht
die mindeste Sympathie für deutsche Sprache und Literatur gehabt.
Auch Kaiser Josef war sein Deutschtum nur Mittel zum Zweck, zur
Erreichung eines großen, geeinten Österreichs. Zu dieser Erziehung
gehörte beispielsweise die Volksaufklärung durch Schulen: die Schulen
in größeren Orten hatten ebenfalls der neuen Staatssprache sich
zu fügen, in kleineren Orten und auf dem Lande ist Josef II. gerne
den Bildungsbedürfnissen anderer Nationalitäten durch nicht-deutsche
Trivialschulen entgegengekommen und hat gerade dadurch der
Entwickelung z. B. der tschechischen Sprache stark vorgearbeitet. Sofort
ging er daran, eine gewaltige Zentralverwaltung einzurichten;
die Autonomie der Kronländer wurde zerrissen, den Landtagen jede
gesetzgeberische Gewalt genommen, nur Beiräte durften sie aus ihrer
Mitte wählen für die kaiserlichen Beamten. Josef lehnte es ab, sich
zum Könige von Ungarn oder Böhmen krönen zu lassen: den Herzogshut
von Österreich, die Kronen von Ungarn und Böhmen —
letztere hatte schon Maria Theresia als „Narrenhäubel“ bezeichnet
— ließ er in die Wiener Schatzkam mer bringen, als Reliquien aus
alten Zeiten, denen jetzt keine Tatsächlichkeit mehr zukomme. Der
ungarische Reichstag wurde nicht mehr einberufen; die Komitat-Vorstände,
die über ihre Bezirke wie Könige regiert hatten, ernannte er
nunmehr selbst; germanisiert und kolonisiert sollte das Land werden,
Deutsche vom Rhein wurden in Galizien, der Bukowina, in
Ober-Ungarn angesiedelt, die Städte verloren das Recht der Selbstverwaltung,
die Magistrate mußten Beamten weichen, die Universitäten
büßten ihre Jurisdiktion ein, die Gerechtsame der Zünfte
ward eingeschränkt, der numerus clausus der Meister ausgehoben.
Natürlich wurden auch die bisher nach Ländern getrennten Hofstellen
sistiert und nur Fachministerien — wenn auch unter alten
Benennungen — belassen; das Reich wurde in dreizehn Zivil= und
Militärverwaltungsbezirke, allerdings unter Beibehaltung der alten
Provinzgrenzen, eingeteilt; das, im Zusammenhange mit der schon
unter Maria Theresia geschehenen Kreiseinteilung, gab ein festgefügtes,
zentralisiertes Staatsgebilde, das nur durch die kaiserlichen