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und nötigte Deutschland zur Abwehr, zum Unterseebootkrieg.
Schon bald nach Kriegsausbruch schuf sich England,
wie Minister Runciman am 10. Januar 1917
im Unterhause zugestand. die längste Bannwarenliste,
die die Welt je gesehen hat-. Nach Aufhebung der
Unterscheidung zwischen bedingter und unbedingter
Bannware beschlagnahmte England nach altem
Brauch auf neutralen Schiffen alle Güter für neutrale
Häfen, sobald englische Willkür den Verdacht
hegte, daß sie für Feindesland bestimmt sein könnten.
England vermochte nicht eine formelle Blockade
über die deutschen Küsten zu verhängen. Um den
Deutschen alle Zufuhren abzuschneiden, erklärte es am
3. November 1914 die ganze Nordsee als Kriegsgebiet
und sperrte sie durch seine papierene Hochseeblockade
derart, daß auch Holland und die skandinavischen
Staaten vom freien Seeverkehr abgeschnitten und genötigt
werden konnten, ihre Handelsdampfer englische
Häfen anlaufen zu lassen, nachdem die englischen
Kriegsfahrzeuge wegen der deutschen Unterseebootgefahr
angewiesen worden waren, die neutralen
Schisse nicht auf hoher See zu durchsuchen. In den
englischen Häfen war die Untersuchung von Schiff
und Ladung so umständlich und peinlich wie möglich.
Jedes Schi mußte seine Ladung löschen. Nach dem
englischen Weißbuch von Neujahr 1916 prüfte man
jedes Stück im Lichte all der Nachrichten, die aus den
verschiedenen der Regierung zu Gebote stehenden
Quellen (durch Handelsausspäherei oft sehr unsauberer
Art) gewonnen wurden und deren Anzahl jetzt
nach 1½jähriger Kriegsdauer sehr beträchtlich ist.
Hunderte von neutralen Schien mit Lebensmitteln,
Rohstoffen und verderblichen Waren für Holland und
Slandinavien wurden monatelang in englischen Häfen
zurückgehalten und umständlich untersucht. Bannware
war nach englischer Auffassung jede Ware, deren
Weiterausfuhr die neutralen Staaten nicht verboten
hatten. Wurden die beanstandeten Ladungen freigegeben
und waren sie dem englischen Markt erwünscht,
so suchte man sie unter Hinweis auf die Kosten
der Wiedereinladung billig anzukaufen oder ließ sie
enteignen. Nordamerikanische Beschwerden darüber
beschied England ablehnend. Am 7. Januar 1915
verwies Grey auf die rnationale Sicherheite, mit der
jeder übergriff entschuldigt wurde, und auf die angeblichen
= Abweichungen der Gegner von den Regeln der
Lesliiung und Menschlichkeite. Nach Einsetzen des
Unterseebootkrieges von 1917 gab England neutrale
Schiffe, die es angehalten hatte, nur frei, wenn sie
sich zu neutralitätswidrigen, gefährlichen Fahrten in
englischen Diensten verpflichteten.
ngland veranlaßte die nordamerikanische Union
nach ihrer Kriegserklärung, die Lebensmittelausfuhr
nach den neutralen Staaten Europas (Holland, Spanien,
Schweiz, Schweden, Norwegen, Dänemark) vom
15. Juli 1917 anzuverbieten. Nur wenn sich diesevertragsmäßig
verpflichteten, keinerlei Waren, besonders
keine Lebensmittel, auch nicht eigene Landeserzeugnisse,
wie Vieh und Fleisch, nach Deutschland auszuführen,
nur dann sollte das Ausfuhrverbot abgeschwächt und
ihnen, soweit nach Versorgung der Verbündeten Vorräte
übrigblieben, der eigene Bedarf in knapper Zumessung
unter Aussicht von Beamten der Vereinigten
Staaten geliefert werden. Die bereits abgeschlossenen
Kornankäufe der Neutralen in Neuyorkwurden zurückgehalten.
Vergeblich verwahrten sich die Neutralen
gegen diese Erweiterung des englischen Aushunge-IV.
Kultur und Geistesleben
rungskrieges. Von Deutschland erhielten sie Kohlen,
Arzneien und andere unentbehrliche Zufuhren und
konnten auf den Güteraustausch mit Deutschland, auf
jede Ausfuhr nach Deutschland unmöglich verzichten.
Indessen verlangte man in Washington, die Neutralen
sollten alles, was sie vom Auslande benötigten, ausschließlich
aus den Verbandsländern beziehen, obwohl
England Kohlen nur ungenügend und nur zu übermäßig
hohen Preisen, Arzneien usw. garnicht zuführen
konnte. Durch solche Vergewaltigung, durch Preisgabe
ihrer handelspolitischen Neutralität, durch Knebelung
ihrer Selbständigkeit sollten die neutralen Staaten an
der Seite des Verbandes in den Krieg hineingezwunen
werden. Solange die Vereinigten Staaten von
merika neutral waren, beanspruchte Präsident Wil.
son für sie freien Handel mit allen Regierungen, auch
freie Massenausfuhr von Kriegsbedarf als ein Recht
der Neutralen, verleugnete dieses Recht aber ohne
Scheu, als er den Krieg gegen Deutschland erklörte,
angeblich um Amerikas neutrale Handelsrechte zu
wahren im Namen von Demokratie und Menschlichkeit
und zum Schutz der kleinen Staaten, die es in
Wirklichkeit gröblich vergewaltigte. Auch die Schiffe
sollten ihnen entzogen werden.
Englands üÜbergriffe zur See schädigten mehr den
neutralen als den feindlichen Handel. Wie die schwei.
erische Schrift „Englands Kriegführung gegen die
eutralene (Zürich 1917) darlegt, suchte England
den Krieg tunlichst durch die Neutralen führen zu
lassen und auf sie einen Teil der Kriegslasten abzuwälzen.
England dresfan seine Handelsschiffe und
veranlaßte sie durch Geheimerlaß zur Führung neutraler,
also falscher Flaggen, verweigerte neutralen
Dampfern die Schlffsccohe. oder gab sie nur dann.
wenn sie mit Ladung einliefen oder sich verpflichteten.
ein Drittel ihres Frachtraums dem englischen Verkehr
vorzubehalten und keinen feindlichen Hasen anzulaufen;
es erklärte im April 1916 deutsche Schiffskohle
als Bannware und ließ sie auf neutralen Schiffen beschlagnahmen,
um diese Schiffe in seinen Dienst zu
zwingen und seine Gewaltherrschaft über die Neutralen
noch zu verschärfen.
Nach dem Londoner Seekriegsrechtsabkommen
durften auf neutralen Schiffen nur feind'iche Wehr.
pflichtige, die bereits in die feindliche Streitmacht
eingereiht waren, gefangengenommen werden. England
beeilte sich nach Kriegsbeginn, die neutralen
Schiffe peinlich zu untersuchen und alle männlichen
Deutschen, auch Greise, zu Kriegsgefangenen zu
machen. Dadurch hielt es viele Tausende, vielleicht
Hunderttausende, von dem Eintritt in das deutsche
Heer zurück. England übertrug den Krieg auch auf
feindliches Privateigentum in seinem Bereich, ließ
deutsche Geschäftshäuser in England auflösen und in
seinen wie in den besetzten deutschen Kolonien zum
Teil zerstören.
Am 20. September 1914 hatte England versicherm
lassen: »Die Freiheit der Meere für friedlichen Handel
ist ein feststehender und allgemein anerkannter
Grundsatz.= Nach der Durchlöcherung des Londoner
Seekriegsrechtsabkommens und nach der äußersten
Vergewaltigung der Neutralen war Grey keck genug,
am 14. November 1915 im Unterhause zu erklären, daß
England seine Oberseeherrschaft als Vertrauensamt
betrachte und nur im Interesse der Freiheit benutze
— im Interesse der englischen Freiheit.
Zur Entschuldigung Englands meinten gemäßigte
Engländer, das Völkerrecht sei etwas Lebendiges, der