Contents : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

Vorgeschichte  des  Krieges.  3

sich  jetzt  in  schmachvollster  Selbstvergessenheit  unter  die  Geißel  von
mehr  als  achtzehnhundert  Tirannen,  deren  größter  Theil  nur  eine
kümmerliche,  lächerliche,  schandvolle  Existenz  von  dem  Schweiße  seiner
Unterthanen  fristete,  und  so  tief  war  das  einst  so  herrliche  Volk
gesunken,  daß  seine  Völker  kein  Gefühl  ihrer  elenden  Knechtschaft  mehr
hatten,  und  daß  seine  Fürsten,  ohne  sich  zu  rühren,  ruhig  zusahen,
wie  Städte  und  Länder  des  Reiches  von  räuberischen  Nachbarn  abge—
rissen,  andere  in  wahrhaft  viehischer  Wuth  verwüstet  und  verödet  wur—
den.  Die  deutsche  Weltherrschaft  war  eine  Weltknechtschaft,  und  der
einst  so  stolze,  gefürchtete  deutsche  Name  war  ein  Spott  der  Völker  geworden.

Und  mitten  in  diesem  wüsten  Konglomerat  tausender  von  Länd—
chen,  die  keiner  gesunden  Existenz  fähig  waren,  erblicken  wir  ein
Fürstenhaus,  welches  mit  unbegreiflicher  Kühnheit,  mit  unerschöpflicher
Gewandtheit,  mit  niegebeugter  urdeutscher  Heldenkraft,  mit  rührender
Treue  und  Hochherzigkeit  das  Unmögliche  vollenden  will:  das  Bestreben
der  Hohenzollern  ist  auf  nichts  Geringeres  gerichtet,  als  den  deutschen
Geist  wieder  zu  wecken,  den  deutschen  Namen  wieder  zu  Ehren  zu
bringen,  die  verlorene  Stellung  unter  den  Völkern  mit  dem  Schwerte
wieder  zu  gewinnen!  Vielleicht  steht  dem  kühnen  Geschlechte  eine  im—
posante  Hausmacht  zu  Gebote,  oder  mächtige  Verbündete  zur  Seite?
Ach  nein,  seine  Besitzungen  umfassen  nur  einen  geringen  Bruchtheil
des  deutschen  Volkes,  und  sie  liegen  in  Fetzen  zerstreut  im  Reiche  um—
her,  seine  Feinde  sind  innerhalb  und  außerhalb  Deutschlands  zahlreich
wie  der  Sand  am  Meere,  Freunde  kennt  es  nicht.

Und  doch  faßt  das  edle  Geschlecht  kein  Bangen  und  kein  Verzagen,
  immer  wieder  zieht  es  in  den  Kampf  um  das  vorgesteckte  Ziel,
der  Sohn  wie  der  Vater,  der  Enkel  wie  der  Sohn,  der  Kampf  nimmt
immer  größere  Verhältnisse  an,  jeder  Schritt  vorwärts  weckt  einen
neuen  Feind,  aber  mit  der  Größe  der  Gefahr  wächst  der  Muth  und
der  Geist  der  Hohenzollern,  und  wenn  der  Kampf  auch  jahraus  jahrein
  dauert,  wenn  fast  ganz  Europa  gegen  die  kühn  Aufstrebenden  in
die  Schranken  tritt,  schließlich  besiegen  die  Hohenzollern  jeden  noch  so
gewaltigen  Widerstand,  durch  Eroberung  und  Unterhandlung  fügen  sie
ihren  Besitzungen  Ein  deutsches  Land  nach  dem  andern  hinzu,  jedem

neu  erworbenen  Stamme  wissen  sie  ihren  hohen  Geist,  ihre  gewaltige
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