Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

411]  Die  türkische  Frage  vom  staatswissenschaftlichen  Standpunkt.  139

weg  durchzieht  nicht  die  Türkei  wie  der  Kiel  der  Schiffe  den  Ocean,  sondern
er  verbindet  sie  mit  Europa.  Europa  selbst  aber  hat  sich  mit  menschlichem
und  mit  Arbeiterkapital  so  bis  an  den  Rand  gefüllt,  daß  es  auf  allen
Punkten  unwiderstehlich  überschäumt.  Es  muß  einen  Ausweg  suchen.  Das
Ziel  desselben  schien  bisher  Asien.  Je  mächtiger  der  Aufschwung  ist  den  Asien
selbst  nimmt,  je  nothwendiger  es  in  allen  Dingen  für  Europa  wird,  und  je
lauter  das  Kapital  Europa's  dies  anerkennt,  um  so  unwiderstehlicher  wird
daher  auch  der  Drang,  diesen  Landweg  dem  Seeweg  hinzuzufügen.  Europa,
das  seines  Asiens  nicht  mehr  entbehren  kann,  kann  auch  dieser  Verbindung
nicht  entbehren.

Es  ist  schon  fast  ein  Menschenalter  her,  als  dies  den  denkenden
Männern  klar  wurde.  Schon  in  den  funfziger  Jahren,  in  derselben  Zeit,
wo  Lesseps  den  Suezkanal  entwarf,  begannen  von  Oesterreich  und  von
England  die  ersten  Forschungen  nach  den  Bedingungen,  unter  denen  man
in  das  Innere  jener  asiatischen  Gebiete  auch  zu  Lande  gelangen  könne.
Damals  war  es  wo  Hahn  veranlaßt  wurde  seine  Reise  durch  Albanien
zu  machen,  um  festzustellen  ob  überhaupt  ein  Eisenbahnweg  den  Balkan
Übersteigen  könne,  und  wo  die  zweite  große  Linie,  die  Linie  von  Wien
längs  der  Donau  nach  Trapezunt  die  Untersuchungen  über  die  im  Norden
Kleinasiens  vorhandene  Kohle,  dieser  ersten  Bedingung  der  regelmäßigen
Dampfschifffahrt  auf  den  Gewässern  des  Schwarzen  Meeres  hervorriefen.
Damals  war  es,  wo  Sinope  zuerst  als  Kohlenplatz  von  Hochstetter  entdeckt
wurde,  Gödel  seine  Konsularberichte  über  den  versandeten  Hafen  von  Trapezunt
  schrieb,  und  der  kühne  Plan  dem  Minister  Bruck  vorgelegt  ward,
daß  Oesterreich  in  Gemeinschaft  mit  Preußen  von  Trapezunt  aus  eine
internationale  Straße  nach  Astrabad  und  Teheran  durch  eine  Gesellschaft
bauen,  der  deutsche  Bund  das  Anlagekapital  garantiren  und  beide  Großmächte
  längs  dieser  Straße  abwechselnd  Stationen  errichten  sollten,  damit
zugleich  eine  definitive  Grenze  für  das  sonst  unabweisliche,  jetzt  wirklich
eingetretene  Vorrücken  Rußlands  gegeben  werde.  Zu  gleicher  Zeit  besuchte
der  englische  Kapitän  Smith  den  Euphrat  und  Tigris,  um  die  Möglichkeit
einer  Flußdampfschifffahrt  dort  zu  untersuchen,  und  Bagdad  und  Bassora
waren  eine  Zeit  lang  sehr  wichtige  handelspolitische  Punkte,  welche  von
Fachmännern  für  die  Handelspolitik  Europa's  unbedingt  an  die  Seite
Alexandriens  gestellt  wurden.  Es  war  eine  große  und  doch  mehr  innerlich
als  äußerlich  bewegte  Zeit;  wir  charakterisiren  sie  für  unseren  Zweck  mit
dem  an  sich  einfachen  Satze,  daß  sie  den  Punkt  bezeichnen  auf  welchem
Europa  eigentlich  erst  zum  Bewußtsein  über  die  Türkei  und  ihre  Zukunft
gelangte.

Es  war  das  eine  sehr  ernste  Sache.  Viele  Leute  sind  der  Meinung,
als  sei  der  Krieg  Rußlands  gegen  die  Türkei  einzig  durch  das  Streben
des  ersteren,  Konstantinopel  zu  erobern,  entstanden.  Allerdings  ist  dies
für  die  nächste  causa  efficiens  ganz  richtig.  Allein  betrachtet  man  genauer
was  vorherging,  so  wird  man  begreifen,  daß  dieser  Krieg,  wenn  Rußland
ihn  veranlaßte,  doch  erst  durch  die  Türkei  unvermeidlich  wurde.

Die  Geschichte  der  Völkerwanderung  nämlich  hat  zwischen  Europa  und
jenes  große  Afien  seit  dem  siebenten  Jahrhunderte  einen  Stamm  hineingeschoben,
  der  dazu  bestimmt  war,  der  gesammten  Welt  eine  große  Frage