Volltext : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 1.

Die  Schwierigkelt  des  Verkehrs  mit  Prokesch.  389

suchte  mich  soeben  und  war  in  einiger  Verlegenheit,  wie  er  sich  der  österreichischen  Erklärung
  gegenüber  verhalten  solle,  da  seine  Instruktionen  nur  von  einer  zu  erwartenden⁴)
gemeinsamen  Vorlage  Österreichs  und  Preußens  sprächen;  er  glaubte  aber  nicht  umhin  zu
können,  die  Dankbarkeit  der  übrigen  Gesandten  für  die  gemachte  Mitteilung  auszusprechen,
  und  hegte  ebenfalls  den  Wunsch,  daß  ich  wenigstens  einige  Worte  dem  österreichischen
  Vortrage  hinzufügen  möchte,  damit  er  auf  beide  Bezug  nehmen  könne.

427.  Bericht  vom  11.  November  1853  an  König  Friedrich  Wilhelm
  IV.  betr.  die  orientalische  Frage.  —  Vgl.  Poschinger  I  Nr.  209.

428.  Bericht  an  Minister  v.  Manteuffel.

(Ausfsertigung.)
  14.  November  1853.

E.  E.  beehre  ich  mich  in  Erledigung  der  mir  gestern  abend  zugegangenen  chiffrierten
Weisung  vom  11.  d.  M.,¹)  die  Haltung  der  österreichischen  Presse  und  des  Herrn  von  Prokesch
  betreffend,  nachstehendes  g.  vorzutragen.  Es  ist  unzweifelhaft  die  Sache  eines  jeden
diplomatischen  Agenten,  selbst  zu  ermessen,  welchen  Grad  von  Offenheit  und  Wahrheitsliebe
  er  in  Verhandlungen  mit  fremden  Gesandten  in  Anwendung  bringen  will.  Herr  von
Prokesch  reduziert  seinen  Aufwand  in  jenen  beiden  Eigenschaften  auf  ein  solches  Minimum,
daß,  nachdem  er  fast  ein  Jahr  lang  der  Bundesversammlung  angehört,  auch  diejenigen
Mitglieder  derselben,  welche  seiner  Arbeitsamkeit  und  dem  lebhaften  Interesse,  welches  er
überhaupt  den  Geschäften  widmet,  am  meisten  Gerechtigkeit  widerfahren  lassen,  schwerlich
eine  Versicherung  von  ihm  auf  Treue  und  Glauben  hinnehmen;  vielmehr  denkt  wohl  jeder
auch  bei  anscheinend  unverfänglichen  Handlungen  des  Präsidierenden  zuerst  darüber  nach,
welcher  uneingestandene  Zweck  durch  dieselben  angestrebt  werden  soll.  Seine  im  Privatleben
  eine  Zeitlang  unterhaltende²)  geistige  Lebendigkeit  nimmt  in  geschäftlichen³)  Beziehungen
  leicht  den  Charakter  ruheloser  Trakasserie  an,  deren  Last  und  Abwehr  nach
seiner  antipreußischen  Richtung  in  der  Politik  hier  in  Frankfurt  vorzugsweise  auf  mich  fällt.
Über  die  Richtung  seiner  Politik  kann  ich  mit  ihm  nicht  rechten,  da  ich  nicht  weiß,  wie
weit  sie  ihm  von  Wien  aus  vorgeschrieben  ist.  Die  des  Grafen  Thun  war  im  ganzen  eine
andere,  wenn  sie  auch  in  einer  weniger  unangenehmen  Form  ins  Leben  trat.  Übergriffe  des
Präsidierenden  fanden  auch  damals  statt  und  sind  bei  dem  jeder  Kontrolle  entbehrenden
Alleinbesitz  des  formellen  Geschäftsbetriebes,  in  welchen  das  Präsidium  bis  1848  schon
gelangt  war,  ungemein  erleichtert.  Welcher  Natur  dieselben  zu  sein  pflegen,  wollen  E.  E.
aus  der  anliegenden  Zusammenstellung  ersehen.  Sie  erscheinen  mitunter  geringfügig,
aber  aus  dergleichen  Kleinigkeiten  ist  im  Laufe  der  Jahre  das  jetzige  Mißverhältnis  erwachsen.
  

⁴)  Poschinger  liest  irrig:  zuwartenden.

¹)  Nach  dieser  hatte  der  König  Manteuffel  beauftragt,  in  Form  einer  Depesche  an  Graf  Arnim  In
Wien  auf  die  antipreußische  Haltung  der  öfterreichischen  und  von  Österreich  inspirierten  Presse  aufmerksam
zu  machen  und  womöglich  daran  einige  Bemerkungen  über  das  Verhalten  von  Prokesch  zu  knüpfen.  Behufs
  Erledigung  dieses  Auftrags  richtete  Manteuffel  an  Bismarck  das  Ersuchen,  ihm  das  ihm  zu  Gebots
stehendes  Material  möglichst  bald  und  vollständig  auf  sicheren  Wege  zugehen  zu  lassen.

²)  Poschinger  hat  irrig:  unterhaltene.

³)  Poschinger:  gesellschaftlichen.

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