Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

65]  Die  wichtigsten  deutschen  Seehandelsstädte.  491

Zweigen  des  Fleischerhandwerks  benannten  Fleischer-,  Knochenhauer-,
Schlachter-  oder  Küferstraßen.  Gerber-  und  Fleischerstraßen  verbinden
aus  naheliegenden  Gründen  nicht  selten  mit  der  Randlage  die  Lage  in
der  Nähe  eines  fließenden  Wassers.

Vor  der  Mauer  fast  jeder  Stadt  findet  sich  eine  Reepsläger-  oder
hochdeutsch  Reifschlägerstraße.  Die  Reifschläger  —  reeper  —  verfertigen
  die  großen  Schiffstaue  und  vertreten  ein  nur  in  den  Seestädten
heimisches  Gewerbe.

An  die  Rolle,  die  niederländische  Kolonisten  vor  Zeiten  ın  den
deutschen  Seestädten  gespielt  haben,  erinnern  uns  Namen  wie  Holländergang,
  Holländerbrook,  Holländer  Reihe,  auch  Gröninger  (Hamburg)  und
Flämische  Straße  (Kiel),  alles  Bezeichnungen,  die  wir  immer  in  der
niederen  Stadt,  gewöhnlich  am  Stromrand  zu  suchen  haben.

Eine  zweite  Gruppe  von  Straßennamen  hat  ihre  Ursache  ın  der
Beziehung  ihrer  Träger  zu  bestimmten  Gebäuden.  Die  zahlreichen  in
jedersStadt  wiederkehrenden  Straßen,  die  nach  Kirchen,  Klöstern,  nach
dem  Schloß  oder  Rathaus  genannt  sind,  und  die  hinsichtlich  ihrer
Lage  immer  an  diese  Gebäude  gebunden  sind,  seien  hier  nur  erwähnt.
Charakteristisch  aber  ist  die  Lage  der  Mühlenstraße,  und  zwar  finden
wir  diese  wieder  am  Rand  der  alten  Stadt  oder  wenigstens  auf  diesen
zulaufend,  denn  die  Mühlen  standen  entweder  als  Windmühlen  auf  den
Befestigungsdämmen,  wo  der  Müller  den  Wind  aus  erster  Hand  hatte,
oder  sie  lagen  als  Wassermühlen  da,  wo  der  Mühlbach  in  die  Stadt
eintrat  !).

Wie  die  Reifschlägerstraße,  so  ist  auch  einer  der  wenigen  Namen,
die  an  das  Verkehrsleben  jener  Zeit  erinnern,  eine  Spezialität  der
deutschen  Seestädtee  Es  ist  die  Bezeichnung  „Lastadie*,  die  wir
als  Namen  für  eine  dicht  am  Strom  liegende  Straße  in  Königsberg
und  Danzig,  für  einen  ganzen  Stadtteil  am  niedrigen  rechten  Oderufer
in  Stettin  angewandt  finden?).  Das  Wort  bedeutet  Laststätte  und  bezeichnet
  einen  Ort,  wo  Ballast,  das  ist  schlechte  Last  geladen  oder  gelöscht
  wurde?°).

Am  interessantesten  sind  dem  Geographen  die  Straßennamen,  in
denen  Hinweise  auf  die  Beschaffenheit  des  Stadtbodens,  auf  die  früheren
Grenzen  der  Stadt  oder  besondere  Merkmale  der  Straßen  selbst  gegeben
  sind.  Beginnen  wir  mit  den  Namen  der  letzteren  Art.  Bezeichnungen
  wie  „breite  Straße*,  „lange  Gasse“,  „krummer  Weg“,  deren
Veranlassung  meist  noch  heute  deutlich  wahrnehmbar  ist,  und  die  wir

!)  Deshalb  sind  auch  außerhalb  der  Stadt  gelegene  alte  Windmühlen  oft
ein  Zeugnis  für  einen  räumlichen  Rückgang  derselben,  so  bei  dem  Städtchen  Demmin.
Vgl.  Stolle,  Beschreibung  und  Geschichte  der  uralten  Stadt  Demmin,  $.  40.

?)  Auch  die  I,  Wallstraße  Lübecks  hieß  früber  „kleine  Lastadie“.  Dr.  W.
B  H  eh  ”  )  a  iträge  zu  einer  Baugesch.  Lübecks.  Zeitschr.  d.  Ver.  f.  Lüb.  Gesch.  etc.

®)  Die  Form  Lastadie  mit  dem  Ton  auf  der  letzten  Silbe  ist  falsch,  Wahrscheinlich
  ist  sie  ein  Ueberbleibsel  aus  der  Franzosenzeit,  in  der  das  lateinische
lastadia  in  das  französische  lastadie  umgewandelt  wurde,  eine  Form,  die  sich  erst
bei  den  Gebildeten  und  allmählich  auch  bei  dem  Volke  Eingang  verschaffte.  (Mitteilung
  des  Herrn  Oberlehrer  Dr.  Wehrmann  in  Stettin.)  Vgl.  auch  Lemcke,
Stettiner  Straßennamen,  8.45  und  Berghaus,  Stettin  I  S.  220.

Forschungen  zur  deutschen  Landes-  und  Volkskunde.  XIH.  u.  34