Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1892. (26)

war  der  Anblick  dieses  Zuges,  welcher  in  ununterbrochener  Reihe  sich  über  die
gefrorne  Wasserfläche  dahin  bewegte,  um  dem  Lande  Rettung,  dem  Feinde  Verderben
  zu  bringen.

In  Königsberg  erfuhr  Friedrich  Wilhelm,  daß  Horn  nach  einem  dreitägigen
Aufenthalt  in  Tilfit  in  Folge  eines  Kriegsrathes  beschlossen  hätte,  zwischen  Tilfit
und  Ragnit  eine  feste  Stellung  zu  nehmen.  Sogleich  brach  der  Kurfürst  nach
Labiau  auf,  und  ging  von  hier,  zum  zweiten  Mal  auf  Schlitten,  drei  Meilen
über  das  kurische  Haff,  nach  Gilge,  und  von  dort  in  eben  der  Art  weiter  auf
der  Eisfläche  des  gleichnamigen  Flusses.  Es  war  ihm  jedoch  nicht  bestimmt,  sich
mit  den  Schweden  persönlich  zu  messen.  Der  Oberst  von  Treffenfeld  dagegen
erreichte  ihn  mit  dem  Vortrab,  schlug  ihn,  und  brachte  drei  Standarten,  acht
Fahnen,  eine  große  Menge  Proviantschlitten,  mehrere  Geschütze  nebst  einer  bedeutenden
  Zahl  von  Gefangenen  im  Hauptquartiere  ein.  Wie  nach  der  Schlacht
von  Fehrbellin  wurde  er  auch  hier  auf  der  Stelle  durch  Ernennung  zum  General-Najor
  belohnt.

Längs  des  rechten  Ufers  der  Ruß  verfolgte  man  nun  den  Feind.  Beide
Heere  waren  eine  Zeit  lang  nur  eine  Meile  von  einander  entfernt,  jedoch  ohne
es  zu  wissen.  Die  Schweden  wandten  sich  dann  mehr  rechts  in  der  Nähe  von
Heidekrug,  und  dies  rettete  sie  vor  vollkommener  Vernichtung.  Wiederum  erreichte
  sie  nur  der  Vortrab,  diesmal  unter  Görtzke's  Führung,  und  brachte  ihnen
einen  Verlust  von  1000  Todten  und  300  Gefangenen  bei.  Horn  hatte  nur  noch
etwa  2000  bis  3000  dienstfähige  Leute,  seine  Reiter  waren  ohne  Pferde.  Bis
zum  11.  Februar  wurde  die  Verfolgung  fortgesetzt;  erst  acht  Meilen  vor  Riga
kehrte  der  brandenburgische  Vortrab  um;  von  18,000  Schweden  zogen  nur  1500
in  Riga  wieder  ein.

Obgleich  dieser  Winterfeldzug  keine  im  Einzelnen  so  glänzende  That  als
die  Schlacht  bei  Fehrbellin  bietet,  so  beweist  derselbe  nicht  geringere  Kühnheit,
Feldherrngröße  und  Sicherheit  in  der  Benutzung  des  Augenblicks.  Wenige
Feldzüge  haben  ein  so  glänzendes  Ergebniß  gehabt  als  dieser,  nämlich  die  vollständige
  Vernichtung  des  Feindes  bei  eigenem  sehr  geringem  Verlust.  Es  war
der  glorreiche  Schlußstein  seiner  großen  kriegerischen  Laufbahn.

Durch  einen  beispiellos  schnellen  Marsch  mitten  im  rauhesten  Winter  hatte
er  gesiegt,  noch  ehe  er  das  Schwert  zum  Streich  erhoben,  das  feindliche  Heer
vernichtet,  ohne  seine  tapferen  Truppen  der  Gefahr  eines  Verlustes  auszusetzen;
und  alles  dieses  führte  er  aus,  gegenüber  den  ruhmvoll  bewährtesten  Truppen,
in  dieser  Zeit  unter  der  Führung  kriegserfahrener  Generale.  Von  ihrer  starken
aus  34  Kanonen  und  zwei  Mörsern  bestehenden  Artillerie  hatten  sie  nur  acht
kleine  Feldstücke  gerertet.

Schon  von  Kukernes  an  der  Memel  aus  theilte  der  Kurfürst  seinen  Verbündeten,
  dem  Kaiser,  Dänemark,  Kursachsen,  Kurbaiern,  Pfalz-Neuburg,  dem
Bischof  von  Münster,  den  Herzögen  von  Braunschweig,  Lüneburg  und  von
Lothringen,  dem  Prinzen  von  Oranien  und  den  Generalstaaten  den  Verlauf  des