Grundlinien der politischen Machtverschiebungen in Europa seit
1850 und damit auch der Staatskunst Bismarcks scharf heraus—
zuarbeiten gesucht).
So hat also Bismarck anfangs mit der Zerrissenheit der
eigenen Nation und den Stammesfehlern im deutschen Vaterland,
später aber nach vollendetem Neubau des Reichs mit dem Verhängnis
gerumgen, das Hintze in die Worte faßt: Unsere geographische
Lage ist unser historisch-politisches Schicksal. Deshalb blieb seine
Politik bis zum Schluß immer nur europäisch orientiert ""), und
trotz der rücksichtslosen Anwendung von Blut und Eisen war sie
niemals Prestige= oder Machtpolitik, sondern immer nur sah er
die Größe Deutschlands in innerer Stärke. Macht reizt zu Gewalt
und Widergewalt, Stärke trägt die Bürgschaft der Zukunft in sich
*) Ich neune aus dem Sammelwerk „Deutschland und der Weltkrieg“
die Beiträge: „Deutschland und das Weltstaatensystem“ von Otto
Hiutze; „Die Vorgeschichte des Krieges“ von Hermanun Oncken;
„Kultur, Machtpolitik und Militarismus“ von Friedr. Meinecke.
Ferner besonders Hermann Oncken: „Das alte und das neue
Mitteleuropa“, Gotha 1917; Kjellen: „Die politischen Probleme des
Weltkriegs“, Leipzig 1915; Fr. Meinecke: „Probleme des Weltkrieges“.
*“) Auch die Erwerbung von Schutzgebieten stand unter dem Einfluß
europäischer Gedanken. Als z. B. der Kammerherr Graf Behr-Bandelin
die von Karl Peters Ende 1884 mit einer Anzahl ostafrikanischer
Häuptlinge abgeschlossenen Verträge in der Reichskanzlei vorgelegt
hatte, konnte der erbetene Schutzbrief für die Gesellschaft für deutsche
Kolonisation nicht schnell genug ausgefertigt und veröffentlicht werden
(27. Februar 1885), weil sich der Fürst davon eine Vermehrung der
Schwierigkeiten für das wankende Kabinett Gladstone-Granville versprach.
Unmittelbar darauf folgte das von Grauville herausgeforderte
Redednell mit den beiden Hödurreden, das viel zum Sturze des Kabinetts
Gladstone und zur Wiederkehr des Bismarckfreundes Salisbury
ans Ruder (9. Juni 1885) beitrug. — Bezeichnend ist auch, daß die
„Gedanken und Erinnerungen“ kein Kapitel über die Kolonialpolitik
enthalten, und Bismarcks getreuer Helfer bei Abfassung des Werkes,
Lothar Bucher, war doch der Urheber davon, daß die Kolonisation in
der deutschen Reichsverfassung unter den Zuständigkeiten des Reichs
nicht unerwähnt geblieben ist.
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