Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

21]  Die  wichtigsten  deutschen  Seehandelsstädte.  447

bindung  mit  dem  Meere  ist,  je  größer  die  Anzahl  der  Schiffe  ist,  die
wegen  zu  großen  Tiefganges  die  mehr  binnenländische  Stadt  nicht
erreichen  können.  Endlich  ist  es  ein  von  F.  Ratzel  aufgestelltes  Gesetz  }),
daß  zwischen  zwei  Städten,  die  im  Wettstreit  mit  einander  stehen,  der
Unterschied  desto  schneller  wächst,  je  größer  er  ist,  daß  also  eine
Stadt  ein  um  so  größeres  Hindernis  für  das  Aufblühen  einer  anderen
ist,  je  größer  sie  selbst  ist.  Von  diesen  drei  Faktoren  ist  für  unsere
deutschen  Verhältnisse  der  zweite  der  wichtigste.  Die  Entfernungen,
um  die  es  sich  hier  handelt,  kommen  bei  den  jetzigen  schnellfahrenden
Schiffen  kaum  noch  in  Betracht,  wenigstens  bilden  sie  an  sich  keine
Veranlassung,  in  der  Mündungsstadt  anzulegen.  Die  Wirkung  der  Größe
aber  tritt  erst  in  Kraft,  nachdem  sie  hauptsächlich  durch  jenen  zweiten
Faktor  entstanden  ist.  Dagegen  ist  die  Beschaffenheit  der  Fahrrinnen,
wie  wir  sehen  werden,  ausschlaggebend  für  das  Verhältnis  der  beiden
Städte  zu  einander.

Hamburg  liegt  mit  108  km  am  weitesten  unter  allen  norddeutschen
  Seestädten  von  seinem  Mündungshafen  entfernt.  Trotzdem  hat
Cuxhaven  nur  geringe  Bedeutung  und  verliert  noch  immer  mehr  derselben,
  da  jetzt  nach  Hamburg  die  meisten  Seeschiffe  ohne  vorherige
Leichterung  gelangen  können.  Ja  wenn,  wie  beabsichtigt,  die  Fahrrinne
  durchgängig  auf  8  m  vertieft  sein  wird,  so  daß  mit  Ausnahme
der  größten  Kriegsschiffe  alle  Seefahrzeuge  Hamburg  erreichen  können,
würde  vielleicht  die  Existenz  Cuxhavens  überhaupt  in  Frage  gestellt  sein,
wenn  es  nicht  seine  Bedeutung  als  Sicherheitshafen  bei  Eisgängen  und
schweren  Stürmen  und  als  Warteplatz  für  die  den  Kaiser  Wilhelmkanal
passierenden  Schiffe  trotzdem  behielte.

Ebenso  sind  die  Vororte  Travemünde  und  Swinemünde  stets  nur
von  untergeordneter  Bedeutung  gewesen.  Bei  dem  außerordentlich
geringen  Gefälle  der  Trave  konnte  der  Wasserweg  zwischen  Lübeck  und
dem  Meere  selbst  den  größeren  Fahrzeugen  ohne  besondere  Schwierigkeiten
  bis  heute  offen  gehalten  werden?).  Freilich  waren  die  starken
Krümmungen  und  die  sehr  geringe  Breite  bis  in  die  neueste  Zeit  vielfach
  störend’).  Auch  der  Warenverkehr  in  Swinemünde  war  stets  nur
gering,  trotzdem  Stettin  früher  eine  verhältnismäßig  lange  und  stark
gewundene  Wasserverbindung  mit  dem  Meere  hatte;  aber  doch  konnten
schon  seit  dem  Jahre  1856  Schiffe  bis  zu  5  m  Tiefgang  die  Stadt
erreichen  *),  und  seitdem  ist  die  Straße  noch  bedeutend  verbessert
worden.  Eine  gewisse  Wichtigkeit  wird  allerdings  auch  Swinemünde
behalten,  einmal  für  den  Warenverkehr  in  eisfesten  Zeiten  und  sodann
für  den  Personenverkehr  zwischen  Berlin  und  Ostsee,  der  gem  direkt
bis  Swinemünde  die  Eisenbahn  benützt.  Im  Jahre  1898  betrug  der
Seeverkehr  Swinemündes  der  Anzahl  der  Schiffe  nach  etwa  ein  Siebentel,
dem  Raumgehalt  nach  sogar  beinahe  ein  Viertel  von  dem  Stettins  °).

ı)  F.  Ratzel,  Anthropogeographie  II  S.  471.

2)  Geogr.  Gesellschaft,  Die  Freie  und  Hansestadt  Lübeck  S.  26.

®)  Hahn,  Die  Städte  der  norddeutschen  Tiefebene  S.  65.

*  Festschrift  zur  26.  Festversammlung  deutscher  Ingen.-Vereine  in  Stettin.
Stettin  1885  S.  151.

»)  D.R.St.  1900,  IT  S.  43.