VI Friedrich Julius Stahl.
als es galt, der deutschen Heimat die neue Staatsform zu
gewinnen. Wie in uͤberlebensgroßen Symbolen hatte
die Revolution zur Welt gesprochen, und diese Symbole
mußten umgedeutet werden in ihren wirklichen praktischen
Sinn, die in Frankreich erschienene brutale Volksherrschaft
umgelernt in eine verstaͤndige Anteilnahme der Nation an
den Geschaͤften des Staates. Die Kaͤmpfe, die die deutschen
Staaten im Verlauf ihrer Umbildung zur konstitutionellen
Form zu bestehen hatten, entsprangen viel weniger aus den
Widerstaͤnden, die sich dem Gedanken selbst entgegensetzten,
denn aus denen, die seine irrigen Auslegungen erwecken
mußten. Eine breite, wachsende Volksstroͤmung strebte den
Maßlosigkeiten der Revolution zu, der Erreichung jener Volksrechte,
die mit der Aufhebung der obrigkeitlichen Autorität und
der Vernichtung des monarchischen Prinzips zur Zerstörung des
Staates und damit zur Zertrümmerung der sittlichen Ordnung
geführt hatten. Gewiß war es nicht anarchische Gesinnung,
die dahin drängte, sondern jener Idealismus, dem
keine Erfahrung zugrunde liegt und der nicht fragt nach
den möglichen Konsequenzen, wenn nur das gläubig verehrte
Phantom seine Verwirklichung findet. Diesem Idealismus
stemmte sich die reale Besinnung entgegen, die die
Gefahren der irrenden Bewegung vor Augen sah und ihnen
am besten zu begegnen meinte durch völlige Unterdrückung
der zeitlichen Strömung. Die wahre Aufgabe der Zeit
aber lag mitteninne zwischen jenen Irrungen und diesem
Widerstande, in der Schaffung eines konstitutionellen Staates,
der eine Arbeitsgemeinschaft wurde zwischen Regierung und
Volk, in dem der Wille der Nation zur Geltung kam nicht
über, sondern unter der staatlichen Obrigkeit, der ungebrochenen
königlichen Herrschgewalt. „Es ist die höhere
Staatsweisheit, Institutionen, nach welchen die Strömung
der Zeit geht, zum Gewinn zu kehren, sie dienstbar zu
machen für die Güter, die sie ihrer Natur nach fördern