Full text : Ludendorff, meine Kriegserinnerungen 1914-1918

 

 

Als  Erster  Generalquarkiermeister
vom  29.  August  1916  bis  26.  Oktober  1918.

Der  Enkenke-Anskurm  im  Herbst  1916.

(Karten  VII  und  VIII.)

J.

B  unserer  Ankunft  in  Pleß  am  29.  August  früh  gegen  10  Uhr  empfing
uns  General  v.  Lyncker.  Er  teilte  mit,  daß  der  Generalfeldmarschall
als  Chef  des  Generalstabes  des  Feldheeres  ausersehen  sei;  ich  solle  Zweiter
Chef  werden.  Mir  erschien  die  Bezeichnung  „Erster  Generalquartier--meister“
  zweckmäßiger.  Meiner  Ansicht  nach  durfte  es  nur  einen  Chef  des
Generalstabes  geben,  ich  hatte  mir  indes  ausdrücklich  volle  Mitverantwortung
  für  alle  zu  fassenden  Entschließungen  und  Maßnahmen  zusichern
lassen.  Seine  Moajestät  sagte  beim  Empfang,  daß  er  auf  Überwindung  der
Krise  an  der  Front  hoffe.  In  gleichem  Sinne  äußerte  sich  der  Reichskanzler,
  der  in  diesen  Tagen  in  Pleß  anwesend  war.  Der  Gedanke,  zum
Frieden  zu  kommen,  wurde  von  ihm  nicht  erörtert.  Der  Ernst  der  Lage
wird  auch  ihm  dies  nahegelegt  haben.  Der  Ausführung  stand  der  Wille
des  Feindes  entgegen.  «

Meine  Stellung  war  eine  undankbare,  dessen  war  ich  mir  voll  bewußt;
ich  trat  sie  an  mit  dem  heiligen  Streben,  nichts  anderes  zu  tun  und  zu
denken,  als  den  Krieg  zu  einem  siegreichen  Ende  zu  führen.  Hierzu  allein
waren  der  Generalfeldmarschall  und  ich  berufen  worden.  Die  Aufgabe
war  von  ungeheurer  Größe.  Das  schwere  Gefühl  der  Verantwortung  hat
mich  nicht  einen  Augenblick  verlassen.  Das  Arbeitsgebiet  war  mir  zum
Teil  vollständig  neu  und  ungemein  vielseitig,  die  Arbeitslast  ganz  ungewöhnlich.
  Schwereres  war  noch  nie  plötzlich  einem  Menschen  durch
das  Schicksal  auferlegt  worden.  Gesenkten  Hauptes  bat  ich  Gott  den  Allwissenden,
  mir  Kraft  für  mein  Amt  zu  verleihen.

Die  Lage,  in  der  der  Generalfeldmarschall  und  ich  in  die  Oberste
Heeresleitung  gerufen  wurden,  war  aufs  äöußerste  gespannt:  Unser
großer  Verteidigungskrieg,  den  wir  bisher  mit  dem  besten  Mittel  der  Kriegführung,
  dem  Angriff,  hatten  führen  können,  war  zu  einem  reinen  Abwehrkrieg
  geworden.