Nach berechtigter Ansicht unserer militaͤrischen Instanzen
lag angesichts unserer numerischen Unterlegenheit
die einzige Moͤglichkeit einer erfolgreichen Abwehr fuͤr
uns in schnellem Handeln, d. h. man mußte, nach dem
sogenannten Schlieffenschen Feldzugsplan, versuchen, erst
den schwächeren Feind im Westen zu überrennen, um dann
mit allen freiwerdenden Streitkräften dem Ansturm der
russischen Heere im Osten entgegenzutreten. Sonst wurden
wir von rechts und links erdrückt. Bei den räumlichen
Entfernungen des russischen Reiches war auf eine
längere Dauer des Aufmarsches und der Schlagfertigkeit
aller verschiedenen Truppenteile daselbst zu rechnen.
Aber jeder Tag der Mobilmachung mußte der Kampf-=bereitschaft
der Russen zugute kommen und für uns die
Gefahr proportional steigern; durch Abwarten konnte
unsere Lage verzweifelt werden. Der Vorteil unserer
Gegner hätte im Hinziehen der Eröffnung der Feindseligkeiten
gelegen, unser Schicksal hing an der Schnelligkeit
der Aktion, an dem Vorsprung, den wir im Losschlagen
über sie gewinnen konnten.
Frankreich brauchte formell und mit der Tat erst Stellung
zu nehmen, wenn der Kriegszustand mit Rußland
eingetreten war. So lange konnte es gewissermaßen
Versteck spielen. Diese Taktik hat es, wie wir gleich sehen
werden, auch noch mit seiner Antwort auf unsere Anfrage
nach seinen Absichten befolgt. Wir mußten daher
eine für unsere Maßnahmen notwendige Klärung herbei-146