286 Lebensregeln für die Schwangerschaft.
dieser absonderlichen Eßgelüste zu bekämpfen. Da finden wir denn, daß sie
oft im Geschlechtlichen wurzeln.
2. Geschlechtsleben. Die Schwangere ist oft trotz ihrem Zustande
geschlechtlich erregt; sie gewährt ihrem Manne nicht nur die gewünschte
Befriedigung, sondern sie heischt noch mehr von ihm (kommt gar nicht so
selten vor!), und dies schädigt ihre Gesundheit und das Gedeihen des Kindes.
Wir haben schon wiederholt hervorgehoben, daß Erregungen im Organismus
der Mutter immer auch in der Frucht nachklingen, und wir sind überzeugt, daß
viele krankhafte Erscheinungen der Säuglinge nur auf körperliche und seelische
Erlebnisse der Mutter während der Schwangerschaft zurückzuführen sind. In der
höheren Tierwelt sehen wir die Weibchen ablehnend gegen die Männchen, wenn
sie bereits befruchtet sind; ein geschlechtlicher Verkehr, wie vor der Schwängerung,
hört zwischen ihnen vollständig auf. Dies deutet darauf hin, daß im weiblichen
Tiere geschlechtliche Regungen vorübergehend erstorben sind, und daß es
seine Kräfte ganz der neuen Aufgabe, der Reifung der Leibesfrucht, widmet.
Diese Außerungen stimmen auch mit den physiologischen Tatsachen,
nach welchen beim schwangeren weiblichen Individuum die Abstoßung der
Eizellen unterbrochen wird, überein. Man begegnet öfter dem Glauben, daß
es zur „kräftigen Ernährung" des wachsenden Eies beitrage, wenn der
Geschlechtsakt während der ersten Schwangerschaftsmonate recht häufig ausgeübt
wird, und es ist wahrscheinlich, daß robuste Frauen, wenn sie nicht
du leidenschastlich dabei sind, auch keine Schädigung dadurch erleiden;
schwächliche aber oder nervös erregte mögen sich davor hüten. Bei strenger
und aufrichtiger Selbstprüfung wird uns die Mehrzahl der Frauen bestätigen,
daß das Allgemeinbefinden nach vollzogenem Geschlechtsverkehr immer ein
schlechteres ist, und daß vor allem Übelkeiten und das schwächende Erbrechen
so häufig darnach auftreten. Man lese das Büchlein von Dr. Rosch über
„die Grundursachen der meisten chronischen Krankheiten, besonders
der beständigen Leiden des weiblichen Geschlechts“. Vortrefflich
schildert er den Einfluß des Geschlechtslebens auf den Zustand der Frau und
erzählt Beispiele aus dem Leben, nach welchen auffallende Besserung bei ihr
eintrat, als der zu liebevolle junge Ehemann für einige Monate von ihrer
Seite entfernt wurde.
Seine Erzählungen könnten wir durch traurige Beispiele vermehren,
wenn wir auf die zahlreichen Aborte hinweisen, die junge Frauen oft auf so
lange Zeit hin elend machen. Sie sind nur eingetreten, weil der Mann immer
und immer wieder Ansprüche an seine Frau stellte, weil er ihre Nachtruhe
störte und dadurch ihrem vielleicht zarten Organismus nicht Zeit ließ, sich
für die neue Aufgabe zu sammeln. Da starb das Ei und ging ab; die Frau
aber hatte schwächende Blutungen und trug eine chronische Erkrankung der
Gebärmutterschleimhant davon, die sich durch monatelangen häßlichen Ausfluß
mit allen seinen unangenehmen Nebenerscheinungen äußerte. Mußte dies so