Full text : Gesetzsammlung für das Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt. Fünfundsechzigster Jahrgang. 1904. (65)

—  Der  neue  Beamtenstaat  55

Beamten  verwaltet  und  regiert  werden  sollte.  Der  Beamte  wurde
jetzt  mit  einem  Schlage  die  Hauptperson  im  Staate.  Da  war  es  nun
von  höchster  Wichtigkeit,  ein  trefflich  geschultes,  pflichttreues,  arbeitsfreudiges,
  dem  Kaiser  und  seinen  Absichten  mit  Leib  und  Seele
ergebenes  Beamtentum  zu  haben.  Aber  ein  solches  ließ  sich  nicht
aus  der  Erde  stampfen;  in  langsamer  Arbeit  war  im  Laufe  dieses
Jahrhunderts  in  Preußen  ein  solches  entstanden,  Jahrzehnte  mußte
es  dauern,  um  in  ÖOsterreich  etwas  Gleiches  zu  schaffen,  und  Josef
  II.  wollte  dieses  Wunder  im  Handumdrehen  hervorbringen!  Wohl
widmete  er  seine  Fürsorge  auch  dieser  Kategorie  seiner  Untertanen,
er  stellte  ihnen  —  ein  bedeutsamer  Fortschritt  auf  dem  Wege  sozialer
  Politik  —  Pensionen  in  Aussicht,  er  wollte  durch  geheime
Konduitenlisten  die  Wahrheit  über  ihre  Tauglichkeit  und  Leistungen
erfahren.  Das  Unglück  für  Kaiser  Josef  war,  daß  er  mit  Engeln
arbeiten  wollte  und  nur  unvollkommene  Menschen  fand.  Er  forderte
von  seinen  Beamten  dieselben  Eigenschaften,  die  er  selbst  besaß,  Opferwilligkeit
  und  Pflichttreue,  vollständige  Hingabe  an  den  Beruf:
und  dies  konnte  er  von  einem  noch  minderwertigen,  dabei  schlecht
bezahlten  Beamtentume  nicht  erzielen.  Dabei  hatte  er  bei  aller  Herzensgüte
  nicht  den  richtigen  Takt,  mit  den  Menschen  umzugehen,  er
besaß  auch  nicht  die  für  einen  Monarchen  erforderliche  Gabe,  die
Schafe  von  den  Böcken  zu  sondern.  Er  schien  hart,  launisch,  ungleichmäßig,
  mißtrauisch:  schlimme  Eigenschaften  für  einen  Vorgesetzten;
einer  seiner  Beamten  schrieb  einmal  die  Worte:  „Es  hat  den  Anschein,
  als  ob  der  Kaiser  glauben  machen  will,  daß  er  allein  das
Land  kenne  und  liebe  und  daß  alle  seine  Beamten  Spitzbuben  seien.“
Auch  den  höchsten  Ratgebern  ließ  er  wenig  Spielraum;  er  folgte
eigensinnig  nur  dem  eigenen  Willen  und  mußte  infolgedessen  oft
Verordnungen,  deren  Ausführung  unmöglich  oder  unpraktisch  schien,
wieder  zurücknehmen,  was  seiner  Autorität  nicht  gerade  zuträglich
war.  So  wurden  seine  Beamten  unzufrieden,  sie  waren  —  eine
traurige  Folge  der  ewigen  Finanznot  OÖsterreichs  —  elend  bezahlt;
die  Konduitenlisten  führten  zu  Angeberei,  zu  Kriecherei,  zu  Verhetzung
  und  erzielten  das  Gegenteil  von  dem,  was  der  Kaiser  beabsichtigt
  hatte.

Mit  einem  guten  oder  schlechten  Beamtenstatus  stand  oder  fiel  der  josefinische
  Zentralismus;  langsam  und  allmählich,  vielleicht  innerhalb
fünfzig  Jahren,  hätte  der  letztere  sich  durchsetzen,  das  taugliche  Werkzeug
  sich  finden  lassen;  vorausgesetzt  auch  noch,  daß  dem  Kaiser  sonst
keine  Gegner  erwachsen  wären  und  vor  allem,  daß  er  selbst  den