— Der neue Beamtenstaat 55
Beamten verwaltet und regiert werden sollte. Der Beamte wurde
jetzt mit einem Schlage die Hauptperson im Staate. Da war es nun
von höchster Wichtigkeit, ein trefflich geschultes, pflichttreues, arbeitsfreudiges,
dem Kaiser und seinen Absichten mit Leib und Seele
ergebenes Beamtentum zu haben. Aber ein solches ließ sich nicht
aus der Erde stampfen; in langsamer Arbeit war im Laufe dieses
Jahrhunderts in Preußen ein solches entstanden, Jahrzehnte mußte
es dauern, um in ÖOsterreich etwas Gleiches zu schaffen, und Josef
II. wollte dieses Wunder im Handumdrehen hervorbringen! Wohl
widmete er seine Fürsorge auch dieser Kategorie seiner Untertanen,
er stellte ihnen — ein bedeutsamer Fortschritt auf dem Wege sozialer
Politik — Pensionen in Aussicht, er wollte durch geheime
Konduitenlisten die Wahrheit über ihre Tauglichkeit und Leistungen
erfahren. Das Unglück für Kaiser Josef war, daß er mit Engeln
arbeiten wollte und nur unvollkommene Menschen fand. Er forderte
von seinen Beamten dieselben Eigenschaften, die er selbst besaß, Opferwilligkeit
und Pflichttreue, vollständige Hingabe an den Beruf:
und dies konnte er von einem noch minderwertigen, dabei schlecht
bezahlten Beamtentume nicht erzielen. Dabei hatte er bei aller Herzensgüte
nicht den richtigen Takt, mit den Menschen umzugehen, er
besaß auch nicht die für einen Monarchen erforderliche Gabe, die
Schafe von den Böcken zu sondern. Er schien hart, launisch, ungleichmäßig,
mißtrauisch: schlimme Eigenschaften für einen Vorgesetzten;
einer seiner Beamten schrieb einmal die Worte: „Es hat den Anschein,
als ob der Kaiser glauben machen will, daß er allein das
Land kenne und liebe und daß alle seine Beamten Spitzbuben seien.“
Auch den höchsten Ratgebern ließ er wenig Spielraum; er folgte
eigensinnig nur dem eigenen Willen und mußte infolgedessen oft
Verordnungen, deren Ausführung unmöglich oder unpraktisch schien,
wieder zurücknehmen, was seiner Autorität nicht gerade zuträglich
war. So wurden seine Beamten unzufrieden, sie waren — eine
traurige Folge der ewigen Finanznot OÖsterreichs — elend bezahlt;
die Konduitenlisten führten zu Angeberei, zu Kriecherei, zu Verhetzung
und erzielten das Gegenteil von dem, was der Kaiser beabsichtigt
hatte.
Mit einem guten oder schlechten Beamtenstatus stand oder fiel der josefinische
Zentralismus; langsam und allmählich, vielleicht innerhalb
fünfzig Jahren, hätte der letztere sich durchsetzen, das taugliche Werkzeug
sich finden lassen; vorausgesetzt auch noch, daß dem Kaiser sonst
keine Gegner erwachsen wären und vor allem, daß er selbst den