Full text : Rosenheimer Anzeiger. 60. Jahrngang (60)

Zz-nre#:

.  92

1:

.  ddgs

 

Kummer  168

Die  Lage  in  Albanien.

Die  Vertreter  der  sechs  Großmächte  teilten  den
Aufständischen  mit,  daß  die  diplomatischen  Bräuche
  es  ihnen  nicht  gestatlen,  sich  zu  den  Anfstäudischen
  nach  Schiak  zu  begeben;  doch  seien  sie
gerne  bereit,  die  Wünsche  der  Aufstänvischen
anzuhören,  weshalb  sie  co  für  praltisch  hielten,
wenn  die  Aufständischen  ihre  Wüniche  scheiftlich
milleilten.

Englischer  Armee-Ersatz.

Die  letzten  guten  Wirtschaftsjahre  sim,  der
Nekrutierung  der  britischen  Armee  sebr  v#-nängnisvoll
  gewesen.  Im  Aurü  130r  wurde
ne  Zahl  der  Rekruten,  die  jahrüch  eingestellt
Herden  müssen,  auf  37710  Mam,  wonon?  60#
nir  die  Linien  ZJufanterie,  angegeben;  türzlich

Teduzierte  der  Vertreter  der  Kriegemimn  er#tO
zae#  die  Zahlen  auf  34500  und  19  600,  obgleich
  ole  Friedenspräsenzilärte  im  Lause  dichzer

Jahrr  nur  um  873  Mann  herabgese  it  wurde.
Aber  auch  gemellen  an  k##n  kleineren  Zahlen
war  die  Neuntierung  während  der  letzten  lünf
Jahre  ganz  ungenügend  und  blieb  hinter  dem
Soll  zurück  um  863,  6260,  5346.  4664  und
6000,  also  zusammen  um  295.  0600  Mann,  jfur
die  Infanterie  allein  um  19  000  Mann.  Der
Ausfall  ist  gededt  worden  durch  Heranziehung
von  Reservisten,  bezw.  durch  besondere  Prämien,
die  ausgediente  Soldaten  bestimmen,  länger
bei  der  Fahne  zu  bleiben.
Die  Ulsterkonferenz.

Nach  Schluß  der  Mittwoch-  Konferem:  jand  den
sehr  lebhafte  Verhandlungen  zwischen  den  Parleiführern
  stat..  Auch  das  Kabie  hieit  eine
Sitzung  ab.  Die  Führer  der  Oppodittn  1###eu
am  Abend  zu  einer  ntsch  eidenden  Ver  mung  zu
sammen.  Ueber  die  Vorgänge  in  der  Konserenn
ist  nichts  an  die  Oeffennichteit  gelang:  Aber
im  Vorsaale  des  Unterhauses  ist  man  der  Mei.
nung,  daß  bestinimte  Ergebnisse  erzielt  worden
  seien  und  daß  die  Vormittags-Sigung  enscheidend
  sein  werde.

Ein  Nachspiel  zum  Balkanrrieg.
Konstantinopel,  22.  Juli.
Das  Buleau  der  Kammer,  das  mit  den  Voruntersuchungen
  gegen  die  Mitglieder  der  beiden
vorigen  Kabineite  beiraut  ist,  lud  die  in  Konstantinopel
  anwesenden  ehemaligen  Miaiiler
dieser  Kabinette  vor.  Es  wurden  der  frühere
Grohwesier  Mulhtar  Pascha,  der  chemialige
Ministet  des  Aeußern  Noradunghian,  der  Minister
  für  öffentliche  Arbeiten  ia  und  der
Finanzminister  Abdurrahman  sowie  der  Lulafminisler
  Fev#zi  Pascha  vernommen.
Wie  rerlautet,  vrotestierte  der  chemalige
Großwesier  Ghasi  Mulhtar  asch  gegen  die

 

von  einem  Deputierten  gegen  ihn  gebrauchten
Worte  „verbrecherischer  Mörder“.  Muthtar

Pascha  legie  dar,  daß  die  Entiassung  der  Trup-=ren
  vor  dem  Ballanlrieg  unter  dem  jungiürlischen
  Kabinett  Said  Pascha  begonnen  habe.
Sein  Kabinelt  habe  vielmehr  die  Reserdisten
zu  den  Manbövern  einberufen  wollen,  was  die
Ballanstaaten  als  Kriegovorbereitung  gedeulet
  hälten,  worauf  sie  die  Mobilisierung  angeordnet
  hällen.  Mukhtar  Pascha  erilärte
schlietzuck,  er  werde  weitere  Erklärungen  vor
dem  Staategerichtshof  abgeben.  Die  meisten
übrigen  ehemaligen  Minister  soilen  erllärt  haben,
  sie  könnten  über  die  militärischen  Angelegenheiten
  leine  Auftlärungen  geben,  da  diesausschiiehlich
  von  dem  verflorbenen  Kriegsminister
  Nasim  Pascha  geleitet  wurden.

Eindrud  machte  die  Aussage  Feo#i  Paschas,
daß  das  Kabinelt  Mukhtar  Pascha  ver  dem
Krieg  den  Kriegsrat  einberufen  habe,  woran
auch  Mahmud  Scheflet  Pascha  teilgenommen
habe.  Veneral  ###  uliah  Pascha  hätte  erküärt.
dab  60%  Panonen  und  Granaten  defelr  oder
Llet  ĩeien.  Ein  Krieg  wäre  ungünstig.  Nasim
Pascha  sei  derselben  Meinung  gewetien,  doch
habe  Malmud  Scheflet  Pascha  erllät.  der
(Heisi  und  die  Disziplin  der  Truppen  seien  ausgezeichne#.
  Die  Türlei  würde  siegreich  aus
einem  Kriege  berrorgehen.

Nach  einer  weileren  Meldung  sprach  sich  die
Abteilung  der  Kammer,  welche  mit  der  Unlersuchung
  der  UAngelegenheit  betrant  ist,  fast  eintimmig
  für  die  Versehung  der  früheren  Minisier
  in  den  Anklagezu  stand  aus  und  unterbreilete
in  diesem  Sinne  der  Kammer  einen  Bericht.  Die
Abteilung  fügie  neue  Anllagepunkie  hinzu,  daruntker
  namentlich  die  Anklage,  daß  das  ftöhere
Kabinett  bei  dem  Abschluß  des  eristen  Wasseuflillstandes
  sich  zur  Nichtrerproviantierung  Acrianopels
  verpflichtete.  Ein  hervorragendes  Milglied
  der  Abteilung  äußerte  sich  gegenüber  den
Berichterstattern,  er  hofse,  daß  mehrere  der
Angeilagten  und  ehemaligen  Minister  in  der

Lage  seien,  sich  zu  rechtsertigen.  Man  erwarte
dies  besonders  von  Noradunghian,  der  sich  der
Kriegserklärung  unter  dem  Hinweis,  daß  die
Aimee  nicht  bereit  sei,  widersehle.

Der  Prozeß  Calllaux.
Haris,  22.  Juli.

Das  sogen.  grüne  Dokument,  welches  angeblich
  auf  die  Rolle  Caillaur's  in  d  stocutsch
französischen  Marokto--Verhandlungen  vom  Jahre
  1911  ein  so  bedenkliches  Licht  werfen  soll,
“*  infolge  des  heftigen  Zwischensalles,  den
im  Schluß  der  Dienstag-Schwurgerichts- 



 

Rolenhelmer  Anzelgen

JZur  Reise  des  Prästdenten  Poinrare  nach  Peteroburg.

Der  Präsident  der  französiseh’n  Republik
Poeincare  ist  auf  seiner  Reise  nach  Rußland  mit
Proßen  Ehren  empfangen  worden.  Unier  benliges


Vild  zeigt  Foincare  und  den  Zaren  im

Hasen  von  Peterhof,
Verlassen  der  Bacht  „Alerandra“.
Poincare  (70.

unmittelbar  nach  dem
Der  Zar  (7)

 

 

 

  

 

sitzung  verursachte,  den  Gegenstand  eifriger  Er-Kterungen
  in  der  Presse.  Die  nattonalistischen

Blätter  benußen  den  Aulaß  zu  neuen  scharsen
Angiissen  auf  Caillaur

Die  „Libre  Parole“  screiot:  „Seit  zwei  Jah-=ren
  bhaben  alle  diejenigen,  weiche  die  Waührheit
iennen,  sich  geweigert,  sie  vollfiändig  zu  en#len.
Jehzt  werden  sie  belannt  gegeben  werden  mussen
Der  Adrvolat  Fakori  verlangte  dies  unter  der
Drohung,  sein  Verteidige:  amt  niederzulegen.
Caillaux,  weld  er  im  Schwurgersch:  verblüffen
Wollte,  wie  er  c.  dewöhnlich  im  Parlamenie  tut,
bat  sich  mit  seiner  eigenen  Hand  eine  Schlinge
gelcht  «

Die  radilale  „Lanterne“,  weiche  zu  den  eifrigtten
  Anhängern  Cailiaua's  gehört.  saat:
iesmal  wird  man  auf  die  Frage,  antworten
en.  Das  wird  durch  leine  Staatsraison
nerbindert  werden  lönnen,  leine  Erwägung  wird
gellend  gemacht  werden  lömen,  um  dieres  geheimnisrolie
  vergiftende  Schriftftück  noch  weiter
im  Dunseln  zu  belassen.  Es  hat  vielleicht  beleits
  einem  Menschen  das  Liben  gelomet.  Das
ist  genug.  Man  möge  uns  das  Paxpier  zeigen
und  man  wird  sehen,  ob  es  einen  Beweis  jfür
einen  Verrat  Cailiaur's  bildet  oder  ob
erjunden  ist,  um  die  Machenschaften  einer  Bauditenpolitil
  zu  unterstützen.“

Dem  „Echo  de  Paris“  zusoige  hat  der  Zwischenfall
  auch  bei  den  in  Parie  weilenden  Milgliedern
  der  Regierung  lebhafte  Erreau:  ig  herrorgerusen.
  Ulrsprünglich  sollte  ein  Ktat
  zur  Prüfung  der  Angelegenheit  stattf
doch  soll  hiervon  Abstand  genommen  werden,
da  der  Ministervräsident  und  der  Minister  des
Aeußern  in  Erwartung  des  Hwischeifalle
durch  seine  Abreise  nach  Rußland  Weisungen
uüdgcla2sen  haben.  Es  leißt,  dan  cer  Zu
stizminister,  der  interimisiissch  auch  das  Mib#isterium
  des  Aeußern  leitet,  den  General#taa#s--anwalt
  zu  sich  berusen  werde,  um  ihm  eine
Instrultion  zur  Vervollitändigung  seiner  Er.
llärung.  zu  geben.  In  Regierungelreisen  häit
man  dafür,  daß  ciiese  Erllärung  geeignet  sein
werde,  jeder  Untlarheit  und  Zweidentigkeit
ein  Ende  zu  machen;  aber  das  „grüne  Schriftstück“
  selbst  werde  nicht  mitgeleilt  werden,  da
es  unmöglich  sei.

Der  „Figaro“  weist  in  einem  „Die  Verieumdungen
  nach  dem  Morde“  betitelten  Arkitel  mit
aller  Enlschiedenbeit  die  von  Caillaux  vorgebrachten
  Behauptungen  zurüd,  daß  Caimelte
und  der  „Figaro“  im  Solde  ausländiicher  Vaulen
  und  Regierungen  gestanden  hättlen.  Der
„Figaro“  zitiert  zu  diesem  Behufe  ein  Telegramm
  der  Dresdener  Bam  aus  dem  Jahre
1902,  in  dem  diese  erllärt,  daß  sie  niemals  irgendwelche
  Interessen  an  dem  „Figaro“  Heu  abt
hbabe.  Weiter  stelli  der  „Figaro“  jeil,  daß
er  niemals  auch  nur  einen  Centimes  von  der
ungarischen  Regierung,  sei  es  direlt  odec  indirekt,
  erhalten  habe

Weiter  veröffentlicht  der  „Figaro“  haßerfüllte
Angrisse  auf  sämtliche  Geguer  insolge  der  ofsenbar
  verlorenen  gestrigen  Schlacht.  Erd  dementiert
alle  Auesführungen  Caillaur  und  liagt  den  Gerichtspräsidenten
  Albanel  der  parteilichen  Vethandlungsführung
  an.  Die  übrige  Morgenpresse
  aber  siellt  fest,  daß  der  gesteige  Tag
sehr  günstig  für  die  Angellagte  verlaufen  sei.
Man  gibt  dem  ersten  Verhandlungstag  sogar
anoschlaggebende  Bedeutung;  denn  aus  der  Gegenuberstellung
  des  „Figaro“-Redalteurs  Laßa.
rus  mit  Caillaux  geht  hervor,  daß  der  „Figoro“
  die  abermals  an  das  Licht  der  Oessentlichkeit
  gekommenen  „grünen  Dokumente“  als
Waffe  gegen  Caillaur  ausspielte.  Weiter  wird
behauptet,  daß  Calmelte  nicht  im  guten  Glauben
  handelte,  sondern  seine  vergiftelen  Pfeile
deshalb  gegen  Caillanz  richtete,  weil  er  seine
Steuerpläne  im  Keime  ersticken  wollte.

Auf  die  Anklage  Caillan,  daß  Calmette
scin  Vermögen  auf  nicht  einwandfreie  Weise  erworben
  habe,  erllärt  die  Zeitung  „Gil  Blas“,
im  Besitze  von  Dokumenten  zu  sein,  die  beweisen,
daf,  der  im  Jahre  1868  noch  ganilich  rermögenslose
  Calmette  nicht  weniger  al:  13  Mill.
Franken  hinterlassen  hat.  Das  Blatt  kündigt
an,  daß  es  diese  Dolumente  in  den  nächsten
Tagen  Leröffeutlichen  werde.

 
  
 

c2

*

  

 

Die  Miiitwoch-Sitzung  brachle  Leine  besondere
Kleperraschung.  Als  Labori  den  Gerichtosaal
betrat,  wurde  ihm  offenbar  wegen  seiner  geilrigen
  energischen  Hallung  von  den  jungen  Acvzlaten
  eine  lebhafte  Sympatbie  Kundgebung  bereitet.
  Nach  Eroffnung  der  Sihung  erob  sich
der  Ceneta#staatranwalt  und  saate:  Er  sei  zu
der  Erllärung  ermächligt,  daß  das  „Ngrüne
Schlifttück"  nich  1  existiert  und  nicht  exifliert  hat
und  daß  demzufolge  die  Chrenhaftigleit  und  der
Patrioliomuo  Cail  aua's  in  leiner  Weise  ange
lastet  erscheint.  (Lebhafte  2  VBewegang.  Der  Präa
sident  erllärte,  daß  der  Zwischenfall  damit  als
erledigt  anzusehen  sei.  Der  Prösident  des  Verwaltungsrates
  des  „Figaro“  verlas  eine  Erllärung,
  welche  im  wesentlichen  die  heute  im
„Figaro“  erschienene  Zurückmeisung  der  von
Cailiaur  erhobenen  Beschuldigungen  enthält.
Caillaux  hielt  seine  Anllage  aufrecht  und  ver—
las  zur  Erhärtung  seiner  Behauptungen  mehrere
Schiststück

Dannu  wurde  die  Vernelmung  der  Zeugen  sortgesetzt.
  Die  Zeugenvernehmungen  betref  jend  die
(6  erüchte  über  die  bevorstehende  Veröffjerllichung
intimer  Briese  vor  der  Ermordung  Calmet"3
nahmen  den  ganzen  Nachmittag  in  Anspruck.  Bemerkenswert
  war  die  Ausage  des  Deputierten
P.  of.  Painleve,  welcher  erklärte,  daß  ihm  der
Vanlier  Gasion  Drenfus,  einer  der  Hauplaltionäre
  des  .„Figaro“,  einige  Tage  vor  cem  Attentat
  erllärt  habe,  daß,  Calmetle  in  keiner  Kampagne
  gegen  Caillaur  aufsehenerregende  Dinge
veröfsentlichen  werde.  Auf  die  Anfrage,  ob  es
sich  um  die  Nochettenassäre  handle,  antwortele
Drenifus,  um  das  Dolument  Fabre,  aber  auch
noch  um  elwas  andere?.  Painleve  erllärte,  er
habe  den  Eindrud  gehabt.,  als  ob  es  sich  um
in2ime  Briese  handle.

Zum  Schlusse  der  Verhandlung  wurde  der
Direttor  des  Finanministeriums  Derchanell  neinommen,
  der  Zeuge  war,  als  infolge  der  Ver
ständ'gung  zwischen  Caillaur  und  seiner  ersten
Fran,  sowie  seiner  jelzigen  Frau,  die  voi  dersellen
  entwendeten  intimen  Vriese  verbraunt
wurden.  Frau  Guendan  antworteie  dartals  auf
die  Frage,  ob  sie  leine  Abschristen  oder  Phoo#-graphien
  dieser  Briese  zurüdbehallen  habe,
scherlichst  mit  „nein“.  Es  zeigte  sich  aber,  daß
sie  damals  nicht  die  Wahrheit  gesagt  bal.  Er
tönne  nur  hinzusügen,  daß  er  nach  seiner  eigenen
Aufregung  über  diese  Sache  sehr  gut  die  unaushürliche
  Angst  begreisen  lönnc,  in  der  seit
her  Frau  Caillaur  gelebt  TLabe.

Für  die  morgige  Verhaui  ung  ist  das  Verhör
  der  Frau  Eueydan  un  es  ehematigen  Minisler
  äsidenlten  Baithon  in  Aussicht  genom-Men,
  welch  letzterem  dir  intimen  Briese  von
Frau  Guendan  gezeigt  worden  waren.

Perschiedene  Nachrichlen.

Halle  a.  S.,  25.  Juli.  Ein  fehr  gewagtes
Scahhiel  wurde  am  Weittwoch  mit  einem  Flugapparat
  in  Halle  vorgeführt.  Der  Flieger  Trautwein
  stieg  auf  dem  Ererzierplatz  in  Beesen  bei
Halle  mit  einen;  Cindecler  auf,  unter  dem  ein
Trapez  angelrach:  war.  ls  er  sich  in  einer
Höhe  von  ungesahr  150  Metern  befand,  gab
sein  Passagier,  der  Trapezlünstler  Jwanoff.
woahalsige  Kunststücchen  zum  Beslen,  indem
er  erband  Uebungen  anm  Trapez  aussührte.
Er  hing  u.  a.  mehrere  Minuten  mit  dem  Kopf
naoch  unten  in  der  Luft,  wobei  er  sich  mit  den
Fuiz  spiten  am  Trapez  sesthielt.

Bielefeld.  22.  Juli.  Bei  der  Dachreparatur
  eines  Einfamilienhauses  am  Hasenort  stürzte
plötzlich  eine  Giebelwand  ein  und  riß  orei  auf
einem  Gerüst  arbeilende  Maurer  in  die  Tiefe;
zwei  davon,  beide  verheiratet,  waren  sofort  tot.
Der  drilte  wurde  schwer  verletzt  dem  Krankenhause
  zugeführt.

Hamburg,  22.  Juli.  Die  Frau  des  Fuhrwerlsbesiczers
  Soot  in  Bergstedt  bei  Hamburg,
die  mit  ihrem  Fuhrwerk  unterwegs  war,  wurde
bei  Wohldorf  von  zwei  jungen  Burschen  angeballen,
  von  dem  Fuhrwerl  gerissen  und  in  ein
nabegelegenes  Gehe  #Went.  Dor#s  schlugen
ihr  die  Burschen  chürze  über  den  Kopf,
banden  ihr  die  se  an  den  Rücken  und  nahmen
  ihr  den  Heldbetrag  in  Höhe  pa##

 

 

Freitag,  24.  uli  1014

100  Mk.  ab.  Damn  ließen  die  Burschen,  als
sie  sich  von  einem  Manne  beobachtet  lahen,
von  ihrem  Opfer  ab  und  lichen  die  Ftau  im
bewuhtlosen  Zuslande  liegen.  Sie  murde  nach
Hause  gebracht  und  hatte  bisber  nur  wenige
lichte  Augenblicke.

Hamburg,  22.  Juli.  Die  Witwe  des  Kausmanns
  Jacobsen  seierte  am  Dienstag  ihren
100.  Geburtslag.  Im  Laufe  des  Vemittage
wurden  ihr.  zal  lreiche  Gralulationen  dargebracht,
  die  sie  anscheinend  recht  frisch  entgegennahm.
  Alo  sie  sich  am  Nachmillagf  jüc  kur  geit
in  den  Rubhesessel  begab,  machte  ein  Hersschlag.
ilrem  Leben  Uin  friedliches  Ende.

Wien,  23.  Juli.  Der  3Z4jährio:  Schneider
  Kutschera  in  Wien,  der  durch  monatelung:
Arbeitslosigleit  in  grotze  Nollage  geratlen  war,
hat  gestern  insolge  Trubsinns  seine  beiden  Kinder
  gelötet  und  sich  selbst!  lebensgefähruche  Verletzungen
  beigebracht.  Der  ältere  fünfjährige
Solm,  der  große  Verletzungen  am  KRehllaufs
autwier,  ist  der  Verlelzung  sofort,  der  dreijäbrige
  Sohn,  der  zei  Sliche  in  bie  Lunge
erhallen  hatie,  nachmitlags-  den  Wunden  erle
gen.  Auch  der  Zustand  des  Vaterz  scheint
hoffnungelos  zu  sein.

Sofia,  22.  Juli.  In  den  lezten  Taue:
Aingen  über  verschiedene  Gegenden  Woklendrüche

 

nieder  und  verucsachten  namentlich  in  Jamboi,
Lom,  Nasgrad,  Erli  d  zumasa  große  Ueber
schwemmungen.  Visher  wurden  mehr  als  100

Leichen  aus  den  Flulen  gezgen,  doch  soil  die
JZabl  der  Opfer  weit  größer  sein.  Der  Schaden
ist.  beträchtlich  und  wird  ausf  eiwa  10  Millionen
deschätzt.  Zur  Untersuchung  der  pon  der  Katastrophe
  Betrossenen  isl  eine  Hilfoallion  ein
geleitet.

Antwerpen,  22.  Juli.  In  einem  Lazer
hause  des  Hasenvierleld  brach  in  der  vergan.
genen  Nach!  Feuer  aus.  Dabei  wurden  elma
2500  Baumwollballen  im  Werte  von  ungefahr
400  000  Francs  ein  Naub  der  Flammen.

Perlobung  im  bayer.  Königshause
München.  22.  Juli.

Gäntlich  unerwartet  brachte  der  offisiöse
Draht  heute  dem  Bayernvolle  die  freudige  Kun
de  von  einer  Verlobung  im  löniglichen  Hause.
Angedeutet  war  die  Talsache  bereits  durch  die
Mitteilunn,  daß  der  regierende  Fürst  von  Hohenzotlern,
  Fürst  Wilhelm,  am  Mitlwoch#ac
mittag  in  Leutsietlen  zum  Besuche  der  löniglichen
Familie  eingelrossen  ist  und  einige  Tage  dort
verweilen  werde.  Der  Fürst  lam  in  der  Ab
sichlt,  beim  König  um  die  Hand  seiner  allesten
Tochler,  der  Prinzessin  Adelgunde,  anzunalten.
Der  König  gab  diesem  Wunsche  stalt  und  ver
lündete  nachmittags  4  Uhr  im  Kreise  der  Fa
milie  und  des  Gefolges  die  Verlobung.

Die  Moglichleit  dieser  Verlobung  wurde  in
verschiedenen  Hofkreisen  schon  vor  einiger  deit
angedentet.  Der  Fürst  weille  im  vergangene:
Winter  in  München  und  nahm  verschiedentlich  #o
den  Hossestlichleiten  teil.  Vor  einigen  W)chen
besuchte  die  Prinzessin  Adelgunde  die  Gloßher
zogin.  Witwe  von  Baden  auf  der  Inse!  Mainan.
Mei  dieser  Gelegenheit  sand  die  letzte  Begeg
nung  des  Fürsten  mit  der  Prinzessin  satl.  Nach
dei  Verlündung  der  Verlobung  machte  der  Kö
nig  fosort  dem  Kaiser,  als  dem  Oberhauple  desn
Hohenzollernhauses,  sowie  den  befreundeten
Fürstenhäusern  von  dem  Ereignis  Mitteilung.

Prinzessin  Adelgunde  ist  die  älleste  Tochter
unseres  Königspaares;  sie  ist  am  17.  Oltober
1870  geboren,  sieht  also  im  44.  Lebensjahre.

Der  Bräutigam,  Fürst  Wilhelm,  isl  der  Chef
der  latlolischen  (scwäbischen!  Linie  ces  Hauses
  Hol  enzollern.  Er  ist  am  7.  März  1864  ge
boren,  ist  alj  jetzt  50  Jahre  alt.  Der  Fürst
ist  seit  dem  März  1909  Witwer,  nachdem
er  in  bchemh  180er  Ehe  mit  der  Prinzessin  Maria
  Therese  ron  Bourbon-Sizilien  verheiratet
war.  Aus  dieser  Ehe  sind  dra  Kinder  lervon
gegangen,  der  als  Leutnant  im  1.  Garde  -Regi.
ment  zu  Potodam  stehende  Erbprinz  Frieduch
Viltor  und  sein  Zwillingsbruder  Prinz  Franz
Joses,  die  am  30.  Angust  1891  geboren  murden,
  serner  die  im  Jahre  1890  geborene  Prinzessin
  Augusta  Viktoria,  die  sich  am  4.  Sept.
1913  mit  dem  Erlönig  Manuel  von  Portugal
vermählt  hat.  Die  Fürstin  starb  am  1.  Marz
1909  in  Cannes.  Sie  war  eine  Tochter  der  in
München  lebenden  Gräfin  Trani  und  eine  Nichte
det  Herzogin  Karl  Theodo

Die  Braut,  Prinzessin  ide  igunde,  isl  die  drĩtte
Tochter  des  Königspaares,  die  sich  vermähll.
Am  31.  Mai  1897  vermählte  sich  ihre  jüngere
Schwester,  Prinzessin  Maria,  mit  dem  Prinzen
Ferdinand  von  Bourbon,  Herzog  von  Kalabrien,
  und  im  Jahre  1399  solgte  die  Vermätlung
  der  Prinzessin  Mathidde  mit  dem  Peinzen
Ludwig  von  Sachsen-Koburg,  Prinzessin  Ma
thilde  ist  indessen  bereits  im  Jahre  1906  geslorben.
  Unvermählt  sind  noch  die  Prinzessinnen
  Hildegard,  Wiltrud,  Helmtrud  und  Gundelinde.


Durch  die  Verlobung  ist  ein  neues  Band  zwischen
  den  Häusern  Hohenzollern  und  Wiltelsbach
  gelnüpft  worden.  Es  sind  gereiste  Menschen,
  die  sich  hier  in  gegenseitiger  Neigung  die
Hand  zum  Ehebunde  bieten  wollen.  Ihr  ge#
Harier  Charatter  läßt  voraussetzen,  daß  sie  in
harmonischem  Zusammenleben  (s.  Glück  finden

werden.  Das  bayerische  Voll  begleitet  den  neuen
#n  mit  den  inigiten  Glück-  und  Segenswünen.


–—  —  —  —  —  —  ——