46 Der Weg zum Ende.
angebot machen. Am 3o. trat Graf Hertling zurück. Die B-Systemler in Berlin,
diesmal Graf Roedern voran, ergriffen die Gelegenheit mit Eifer und
brachten eine Regierung von reinstem B-Systemcharakter ans Tageslicht, wie
sie sich unsere grimmigsten Feinde nicht besser wünschen konnten. Es hätte
nämlich, wenn man durchaus eine parlamentarische Regierung haben mußte, im
Zentrum auch noch andere Leute gegeben als Herrn Erzberger, der so vielfach schon
diplomatisch verwendet worden war und so überzeugend in Bern, in Wien, in Sofia,
in Bukarest seinen Mangel an diplomatischer Begabung bewiesen hatte; es hätte
auch Sozialdemokraten gegeben, die mehr Vertrauen erweckt hätten als Scheidemann,
der von jeder diplomatischen Mission nach Stockholm, nach Bern, nach Kopenhagen,
nach Amsterdam, nach dem Haag als betrübter Lohgerber heimkam, dem
die Felle davongeschwommen waren; der Freisinn mußte ja nicht ausgerechnet
Herrn Haußmann und die Fürstenhäuser nicht ihren unklarsten politischen Kopf
in die Regierung senden. Aber vom B-Systemgesichtspunkt aus gesehen, für das
Bismarck zu den Untüchtigen gehört, waren es allerdings die „Tüchtigsten“". Sie
taten denn auch, was auch der Allertüchtigsie, wenn man in ihrem Sinne rechnet,
hätte tun können, sie suchten dem deutschen Volke den Frieden zu bringen, indem
sie sich auf Gnade und Ungnade Herrn Wilson übergaben.
Gleichzeitig taten sie einen Schritk, dessen Bedeutung von den meisten nicht
klar erkannt wurde. Sie stellten in Übereinstimmung mit einem Gutachten des
Grafen Brockdorff-Rantzau und gegen den auddrücklichen Willen Ludendorffs
und Scheers (Brief Ludendorffs an Scheidemann vom 12. März 1919) den
U-Bootskrieg ein und verboten die Bombenwürfe auf London und Paris,
selbstverständlich ohne jedes Verlangen nach einem Gegendienst. Es ist nicht nötig,
die politische Einsicht der Herren so gering einzuschätzen, um ihnen den Glauben zuzutrauen,
Herr Wilson werde sich dadurch milder stimmen lassen. Wilson verlangte
die Unterwerfung unter seinen Willen, und ob in Erfüllung desselben
U-Boote, Flugzeuge und Jeppeline noch einige Wochen vor der Annahme seiner
Bedingungen ihre Tätigkeit einstellten oder erst mit der Annahme, hätte selbstverständlich
weder an der Friedensbereitschaft noch an den Bedingungen etwas geändert.
So kindlich geht es denn doch nicht in der Diplomatie zu, daß zur Belohnung für
besonderes Braosein der Sieger dem Besiegten — richtiger müsse man Scheinsieger
und Scheinbesiegter sagen — besondere Vorteile gewährt. Aber U-Boote und
Bomben waren die Mittel, in denen wir immer noch dem Feind überlegen waren,
und beide hätten Deutschland auch dann noch den Sieg gebracht, wenn es zu
Offensioleistungen am Lande nicht mehr fähig gewesen wäre; die Westfront brauchte
nur in der bisherigen DOefensive weiter auszuharren. Mit dem Verzicht auf U-Boote
und Bomben bewies man durch die Tat seinen Verzicht auf einen Sieg frieden, der
ja seit der Reichstagsresolution schon abgetan war.
Prinz Max hat in den Delbrückschen „Preußischen Jahrbüchern“ — schöne
Seelen finden sich! — eine an Redensarten reiche „Rechenschaft“ abgelegt. Das
Waffenstillstandsangebot sei ihm fertig unterbreitet worden, als er in Berlin eintraf;
er habe es bekämpft und einen Gegenvorschlag — wieder einmal den nagelneuen
Gedanken eines Friedensangebotes in Form eines Kriegszielprogrammes —
vorgebracht. Seine Friedenspolitik sei aber durch das Ludendorffsche Verlangen
eines sofortigen Waffenstillskandsangebots „entscheidend gestört“ worden, und
die Wirkung desselben habe „seine schlimmsten Befürchtungen gerechtfertigt“.