Friedrich Wilhelm II.
1786 — 1797.
Welche Aufgabe, nach Friedrich dem Großen, dem vollendeten Helden
und Staatsmann, die Zügel der Regierung zu ergreifen: welcher Sterbliche
hätte fie lösen können! Um wie schmerzhafter mußte man also den Verlust empfinden,
da es dem Nachfolger zwar nicht sowohl an Talent und Gaben, allein
an dem ernsten und festen Willen, der unerschütterlichen Ausdauer in dem
schweren Herrscherberufe mangelte. Wenn bei Friedrich stets der Fürst in den
Vordergrund trat, die menschliche Neigung der Pflicht des Herrschers weichen
mußte, so gewannen bei dem Nachfolger meistens die Gefühle seines durch und
durch gütigen, aber allzuleicht irregeleiteten Herzens nicht selten das Uebergewicht.
Man darf sich deshalb gar nicht wundern, wenn die nächste Umgebung
des Gebieters oder die, an welche früher strenge Forderungen gemacht,
oder deren Wünsche von dem prüfenden Herrscherblicke als unvereinbar mit dem
Wohle des Ganzen gefunden wurden, das neue, mildere und leichter auszubeutende
Regiment mit Freuden begrüßten; denn niedrige Gesinnung und gemeine
Eigensucht bemessen alle Erscheinungen nicht nach ihrem sittlichen Werth
oder ihrer menschlichen Größe, sondern nur nach dem eigenen Vortheil. Wie
mancher lässige oder habsüchtige Diener mag von dem Augenblick an aufgeathmet
haben, wo das durchdringende Auge des großen Königs, dem Nichts
so leicht entging, sich auf ewig schloß; wie Mancher, welcher der Erfüllung
einer strengen Pflicht in dem Heere und in der Verwaltung die Annehmlichkeiten
eines üppigen Hoflebens vorzog, mag bei der allgemeinen tiefen Trauer eines
sich verwaist fühlenden Volkes innerlich gefrohlockt, wie mancher Ehrgeizige sich
mit der Hoffnung geschmeichelt haben, unter dem neuen Herrscher, der allerdings
dem Beispiele seines großen Vorgängers gemäß selbstständig herrschen
wollte, aber zur Durchführung dieses edlen Vorsatzes nicht die eiserne Ausdauer
des großen Oheim's besaß, freie Hand zum eigenen Schalten und Walten zu
bekommen.
Außerdem besaß der neue König eine liebenswürdige Personlichkeit, ein
schönes, männliches Aussehen, gehoben durch majestätische Körpergestalt, und
wenn nicht Leidenschaft seine Stimmung trübte, ein freundliches und durch herablassende
Güte gewinnendes Benehmen. Welches Wunder also, wenn mancher
Hofbediente der Ansicht war, nun sei man von traurigem Zwange befreit und
die Zeit einer wahrhaften Segensherrschaft sei gekommen.
Friedrich Wilhelm II. war der älteste Sohn August Wilhelms, den Friedrich
bald nach seiner Thronbesteigung zum Prinzen von Preußen ernannt hatte.
Er war am LDösten September 1744 geboren. Seine geistigen Anlagen waren
nicht unbedeutend, und es läßt sich begreifen, daß Friedrich, selbst ein Freund
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