Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zehnter Jahrgang. 1894. (35)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  26.)  77

richtig!  rechts.)  Wenn  Sie  die  Importe  aus  Rußland  sich  ansehen,  müssen
Sie  die  Zeit  vor  1891  betrachten.  1883—91  war  die  Importziffer  nach
Rußland  durchschnittlich  rund  164  Millionen  Mark,  also  bei  10  pCt.  Nutzen
ein  Ertrag  von  16  Millionen.  Aber  der  Schaden,  der  der  Landwirtschaft
zugefügt  würde,  würde  viel  größer  sein.  (Zuruf  links:  Wo  ist  er  denn?)
Von  dem  Kampfzolltarif  von  1891  sind  Konzessionen  gemacht,  außerdem
fallen  uns  infolge  des  russisch-französischen  Vertrages  einige  weitere  Konzessionen
  zu.  Die  Industrie  jubelt  laut  auf.  (Widerspruch  links.)  Aber
was  erreicht  worden  ist,  halen  Sie  durch  die  Agrarier  erreicht.  (Sehr
richtig!  rechts.)  Wenn  wir  die  Karten  nicht  gemischt  hätten  durch  die  Abstimmung
  zum  rumänischen  Handelsvertrag,  dann  wäre  nichts  erreicht  worden
Wenn  die  Agrarier  nicht  gewesen  wären,  dann  hätte  die  Industrie  nichts
erreicht.  Als  der  Zollbeirat  hier  tagte,  da  sagte  ein  Industrieller:  Einen
Vertrag  mit  Rußland  um  jeden  Preis!  Das  war  eine  sehr  ungeschickte
Vertretung  der  Interessen,  denn  was  unter  einer  größeren  Anzahl  von
Personen  verhandelt  wird,  bleibt  nicht  geheim.  Die  Abstimmung  über  den
Handelsvertrag  unter  Benutzung  des  parlamentarischen  Almanachs  wird  ja
zeigen,  welche  Wertschätzung  die  Landwirtschaft  bei  den  Herren  genießt.
Fürchten  Sie  nicht,  daß  wir  pari  passu  mit  der  Herabsetzung  der  landwirtschaftlichen
  Zölle  eine  Ermäßigung  der  Industriezölle  beantragen  werden.
(Zuruf  links:  Immer  zu!)  Ja,  Sie  würden  sich  darüber  freuen.  Man
sagt,  der  Zoll  müsse  verglichen  werden  mit  dem  Wert  der  Waren.  Aber
man  kann  doch  die  Lage  der  Landwirtschaft  nicht  vergleichen  mit  der  Lage
der  Industrie.  Die  Industrie  kann  sich  eine  Koalition  schaffen,  die  Landwirtschaft
  nicht.  Wir  haben  einen  Versuch  gemacht  in  Bezug  auf  eine
Nebenindustrie,  aber  es  ist  mißlungen.  Es  würde  einmal  ein  interessantes
Unternehmen  sein,  wenn  eine  Aktiengesellschaft  Landwirtschaft  betreiben
wollte.  Daß  das  bisher  nicht  geschehen  ist,  beweist,  daß  bei  der  Landwirtschaft
  nichts  zu  verdienen  ist.  (Lachen  links.)  Redner  verweist  auf  die  verschiedenen
  Dividenden  industrieller  Aktiengesellschaften,  welche  7—14—  35  pCt.
Dividenden  gegeben  haben.  Landwirschaft  und  Industrie  lassen  sich  also
nicht  vergleichen.  Die  Zölle  dürfen  nicht  in  Relation  gesetzt  werden  zu  den
Werten  der  Produkte,  sondern  zur  Lage  der  Landwirte  und  der  Industrie
in  den  betreffenden  Staaten.  Deshalb  sind  z.  B.  die  Industriezölle  in
Rumänien  höher  als  bei  uns.  Alle  Parteien  bemühen  sich  ja,  der  deutschen
Landwirtschaft  zu  helfen,  um  Stimmen  zu  fangen.  Man  wirft  dem  Bunde
der  Landwirte  vor,  daß  er  von  dem  Grundsatze  ausgeht:  Majorität,  nicht
Autorität!  So  lange  das  allgemeine  Wahlrecht,  dieser  Hohn  auf  die  Autorität,
  besteht,  müssen  wir  uns  fest  organisieren,  und  diese  Organisation
ist  der  Bund  der  Landwirte,  dessen  einzige  Gegner  die  Herren  vom  Bundesrat
  und  von  der  Linken  sind.  (Heiterkeit  rechts.)  Wie  sagte  Fürst  Bismarck?
  Artige  Kinder  verlangen  nichts,  artige  Kinder  bekommen  auch  nichts!
(Sehr  richtig!  rechts.)  Herr  v.  Stumm  hat  für  den  rumänischen  Handelsvertrag
  gestimmt  und  die  agrarische  Agitation  dagegen  als  unrichtig  bezeichnet.
  Wir  werden  ja  sehen,  ob  sein  Votum  jetzt  anders  sein  wird.
Unser  Votum  wird  dasselbe  sein,  wie  damals;  Herr  v.  Stumm  kann  für
den  russischen  Handelsvertrag  nicht  stimmen,  denn  er  hat  damals  Kompensationen
  auf  anderen  Gebieten  verlangt,  die  aber  nicht  vorhanden  sind.
Welche  angeblichen  Konzessionen  hat  denn  eigentlich  Rußland  gemacht?  Es
bestand  früher  ein  großer  Fischimport  nach  Rußland  von  deutschen  Häfen,
der  aber  zerstört  ist  durch  die  hohen  russischen  Zölle,  die  auch  jetzt  nicht
erheblich  ermäßigt  sind.  Für  Hopfen  ist  der  Zollsatz  ebenfalls  ein  sehr  exorbitanter
  geblieben,  zumal  die  Arbeitsbedingungen  in  Rußland  billiger
sind  als  in  Deutschland.  Die  Zugeständnisse  sind  sehr  mäßig  auf  dem  Ge-