Full text : Europäischer Geschichtskalender. Ergänzungsheft zum Europäischen Geschichtskalender für 1865. (6a)

138  —

es  unserer  Industrie  in  weitem  Umfange  geluugen  ıst,  für  ausländische
  Rohstoffe  Ersatz  zu  schaffen.  Ich  darf  das  nur  mit  einem
Beispiel  belegen.  In  wenigen  Monaten  wird  Deutschland  seinen
ganzen  landwirtschaftlichen,  industriellen  und  Kriegsbedarf  an
Stickstoffverbindungen  —  das  sind  mehr  als  eine  Million
Tonnen  pro  Jahr!  —,  einen  Bedarf,  der  bisher  zur  weil  überwiegenden
  Hälfte  aus  dem.  Auslande  importiert  worden  ist,  durch
die  einheimische  deutsche  Industrie  voll  und  ganz  decken  können.
Das  ist  eine  Leistung,  die  uns  kein  Land  auf  der  ganzen  Welt
nachmachen  kann.  Meine  Herren,  Sıe  wissen  schliesslich  so  gut
wie  ich,  dass  wir  dank  der  hohen  Stufe  unserer  landwirtschafllichen
Entwicklung,  dank  der  Tüchtigkeit  unserer  Landwirte  aus  eigener
Kraft  werden  durchhalten  können,  wenn  nur  jeder  einzelne  die
nötige  Sparsamkeit  und  den  nötigen  Gemeinsinn  walten  lässt  und
sich  willig  und  verständnisvoll  fördernd  den  Massnahmen  fügt,
die  zur  vollen  Ausnutzung  und  zur  richtigen  Verteilung  der  vorhandenen
  Bestände  erforderlich  sind.  Jedes  Opfer  und  jede  Entbehrung,
  aber  auch  jede  Meinungsverschiedenheit  im  einzelnen
muss  klein  erscheinen  gegenüber  dem  Gedanken,  dass  es  bisher
gelungen  ist  und  weiter  gelingen  muss  und  wird,  ein  Volk  von
‘0  Millionen,  das  mit  tausend  Fäden  ın  die  Weltwirtschaft  verflochten
  war,  auf  sich  selbst  zurückzuführen,  ein  Volk  von  70
Millionen  durch  die  Mittel  wirtschaftlicher  und  sozialer  Organisation
  ohne  Elend  und  Verschmachten  durch  den  grössten  Krieg
in  der  Weltgeschichte  hindurchzuleiten,  durch  einen  ruchlosen
und  kulturlosen  Krieg,  den  cin  kalt  und  erbarmungslos  aufs  Ganze
gehender  Feind  nicht  als  einen  Krieg  der  Waffen  dem  deutschen
Heere,  sondern  als  einen  Hunger-  und  Vernichtungskrieg  dem
ganzen  deutschen  Volke  angesagt  hat.

Meine  Herren,  wir  alle  können  uns  der  Grösse  der  Zeit  nur
würdig  zeigen,  wenn  wir  uns  Tag  für  Tag  und  Stunde  für  Stunde
von  dem  ganzen  schweren  Ernst  der  dem  deutschen  Volk  auferlegten
  Prüfung  bıs  ins  Innerste  durchdringen  lassen,  wenn  jeder
sich  als  Mitkämpfer  fühlt,  wenn  jeder  täglich  und  stündlich  sich
das  grosse  Ziel  vor  Augen  hält  und  täglich  und  stündlich  bereit
ist,  sein  Bestes  für  das  grosse  Ziel  herzugeben.  Wir  haben  das
leuchtende  Beispiel  an  unseren  braven  Soldaten,  die  zu  Lande  und  zu