Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

Zahn:  Kriegssozialpolitik  in  Deutschland

abgesehen  davon,  daß  sie  gleichzeitig  zur  Stärkung
des  Solidaritätsgefühls  der  Unternehmer  und  Arbeiter
  der  einzelnen  Berufszweige  beitrugen.

Daneben  waren  die  verschiedensten  Stellen  bemüht,
  Arbeit  zu  schaffen  und  Arbeitskräften  andauernde
  Seshäftigung  zu  bieten.  Vor  allem  ließen
sich  dies  die  öffentlichen  Betriebsverwaltungen  (Eisenbahn-,
  Bau.,  landwirtschaftliche  Verwaltung)  von
Reich,  Staat,  Kommunen,  Kirchen  und  Stiftungen
sehr  angelegen  sein.  Als  besonders  bedeutsamer  Arbeitgeber
  erwies  sich  der  Militärfiskus  mit  seinem
ausgedehnten  Kriegsbedarf  an  Bauten  und  an  Munitions=
  und  Mannschaftsausriüstungen.  Zur  Befriedigung
  dieses  Bedarfs  haben  sowohl  die  einzelnen
Betriebe  wie  die  Arbeiter  eine  staunenswerte  Anpassungsfähigkeit
  an  den  Tag  gelegt.

Damit  die  Herstellung  und  der  Betrieb  der  Heeresbedarfsartikel
  auch  in  Hinblick  auf  die  dazu  erforderlichen
  Waren  aus  den  im  Lande  vorhandenen  Beständen
  gesichert  war,  wurde  durch  Bundesratsverordnungen
  (vom  24.  Juni,  22.  Juli,  9.  Oktober,
25.  November  1915)  eine  Zugriffsmöglichkeit
geschaffen,  die  in  der  Regel  der  Enteignung  vorausgeht,
  aber  nicht  immer  die  Enteignung  zur  Folge  zu
haben  braucht.  Ebenfalls  zur  Sicherung  des  Bedarfs
für  die  Heeresverwaltung  ist  schon  seit  Kriegsausbruch
  die  Kriegsrohstoffabteilung  beim  preußischen
  Kriegsministerium  tätig;  sie  hat  das  Recht  der
Oeschtagnahme  #rwisser  wichtiger  Sprengstoffe,  Textilien,
  Metalle.  Auf  ihre  Anregung  haben  eine  Reihe
Industrien  weitere  #öekgsgeslschoften  gegründet
(Kriegswolle-,  Kriegsbaumwolle-,  Kriegsledergesellschaft
  usw.),  die  unter  eigener  und  staatlicher  Kontrolle
  die  Produktion  so  einrichten,  daß  die  Erfordernisse
  der  Heeresverwaltung  und  des  Privatbedarfs.
genau  abgewogen  und  gemäsß  ihrer  Wichtigkeit  für
das  allgemeine  Interesse  befriedigt  werden.

Außerdem  wurde  die  ungestörte  Herstellung  der
Kriegsaufträge  gegen  starken  Wechsel  der  Arbeiter
sichergestellt.  Ahnliches  geschah  im  Interesse  der  Ernährung
  von  Heer  und  Volk,  um  die  Arbeitskräfte
für  die  Feldbestellung  und  die  Erntearbeiten  zu  sichern.

Daß  die  Wiederbelebung  unserer  Volkswirtschaft
tatsächlich  gelang,  war  auch  mit  ein  Verdienst  unserer
Verkehrsverwaltung  und  Finanzverwaltung.
  Die  Eisenbahnen  haben  trotz  der  riesenhaften
Kriegertransporte,  die  sie  bewältigten,  unser  heimisches
  Erwerbsleben  durch  alle  möglichen  Tariferleichterungen
  stark  angeregt  und  den  Verkehr  in  neue
Bahnen  gelenkt,  den  Austausch  zwischen  Industriegebieten
  des  Westens  und  den  Agrarbezirken  des
Ostens,  den  Austausch  mit  neutralen  Häfen  vermittelt.
  Die  Finanzverwaltung,  insbes.  die  Leitung  der
Reichsbank,  hatte  durch  die  verschiedensten  Mittel,
hauptsächlich  auch  durch  Bereitstellung  der  Darlehnskassen,
  einer  Kreditkrisis  vorgebeugt,  die  kreditwürdigen
  Kreise  erhielten  bald  die  Sicherheit,  daß  sie  im
Bedarfsfalle  Kredit  bekommen  würden;  damit  war
die  erwünschte  Beruhigung  im  Geschäftsleben  gewährleistet.
  Unser  Geldstand  igt  eine  große  Flüssigkeit.
Die  Reichsbank  kann  seit  23.  Dezember  1914  an  einem
Diskontsatz  von  5  Proz.  festhalten,  der  Privatdiskont
in  Berlin  betrug  bisher  durchschnittlich  4  ½  Proz.,  tägliches
  Geld  gab  es  zu  2  Proz.,  Ende  März  1915  sogar
zu1—1½  *  (vgl.  auch  die  Artikel  -Deutsche  Volkswirtschaft«,
  S.  382,  sowie-Geld  und  Kredit-,  S.  411).
Vor  allem  aber  ist  es  den  hervorragenden  Wassenerfolgen
  unserer  Truppen  in  den  ersten  Wochen  zu

Der  Krieg  1914/16.  I.

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danken,  daß  auch  in  der  Privatindustrie  sich  rasch
wieder  Mut  und  Unternehmungslust  einstellten.

So  begreift  sich,  daß  immer  weniger  von  Arbeitsmangel
  und  Arbeitslosigkeit  im  Laufe  des  Krieges
8  spüren  war,  vielmehr  sich  mit  der  Zeit  ein  starker

rbeitermangel  geltend  machte.  Die  Folge  war,  daß
alle  zulässigen  Möglichkeiten  der  Beschaffung  von
Ersatzarbeitskräften  ausgenutzt  wurden.  Es  wurden
viele  ungelernte  Arbeiter,  auch  Frauen,  Jugendliche
und  ältere  Personen  herangezogen,  ferner  Heimarbeiter
  und  arbeiterinnen  bei  teilweiser  überführung  in
die  Fabriken,  Kriegsbeschädigte,  soweit  sie  nicht  wieder
  kriegsverwendungsfähig  wurden,  Kriegs=  und
Zivilgefangene,  Arbeiter  aus  besetzten  Landesteilen
und  dem  neutralen  Ausland.

Alles  in  allem  hat  die  deutsche  Industrie  den  Kriegsschwierigkeiten
  sich  gut  angepaßt.  Allerdings  blieb  ihre
Lage  trotzdem  schwierig.  Die  Erzeugungskosten  erhöhten
  sich  schon  in  Anbetracht  der  Verteuerung  der
Rohstoffe  namhaft  und  ebenso  stiegen  infolge  des
gegenwärtigen  Arbeitermangels  die  Löhne  erheblich.

oweit  trotz  Fürsorge  für  Arbeitsgelegenheit  eine
Arbeitslosigkeit  verblieben  ist,  setzte  eine  besondere
Arbeitslosenfürsorge  ein.  Zunächst  traten  die
Gemeinden,  die  Organisationen  der  Arbeitgeber  und
der  Arbeiter,  Privatwohltätigleitövereine  ein.  Im
weiteren  Verlauf,  als  diese  Aufwendungen  immer
Khere  Mittel  in  Anspruch  nahmen,  wurden  auch
eihilfen  der  Bundesstaaten  und  des  Reiches  flüssig
gemacht,  zu  welchen  noch  Mittel  von  Landesversicherungsanstalten
  usw.  kamen.  Das  Reich  hat  bis  zu
400  Mill.  Mk.  in  den  Jahren  1914  und  1915  an
Beihilfen  den  Gemeinden  gewährt,  und  zwar  fallen
davon  3—4  Proz.  auf  die  Erwerbslosenfürsorge,
etwa  80  Proz.  auf  die  Zuschläge  zu  den  Familienunterstützungen,
  16—17  Proz.  auf  andere  Kriegs
wohlfahrtszwecke.  Neben  dem  Reich  tritt  auch  der
Staat  helfend  ein,  er  ersetzt  seinerseits  den  Gemeinden
regelmäßig  ½  der  fraglichen  Aufwendungen,  so  daß
ihnen  selot  höchstens  ½  zu  eigenen  Lasten  verbleibt.

So  ist  allgemein  eine  umfassende  Erwerbslosenhilfe
  durch  das  Zusammenwirken  von  Reich,  Staat.
Gemeinde  und  Privatwohltätigkeit  ausgebaut,  welche
die  mit  Arbeitslosigkeit  verbundenen  Nöte  bisher
wesentlich  gelindert  zu.

Wie  alles  Gute,  ist  auch  diese  Kriegshilfe  vor  Mißbrauch
  nicht  verschont  geblieben.  Wiederholt  haben
männliche  wie  weibliche  Arbeitsfähige  sich  eine  Arbeitslosenunterstützung
  verschafft  und  diese  einem
durch  Arbeit  selts  erworbenen  Lohn  vorgezogen.
Mit  Recht  wurden  solche  Erscheinungen  auch  seitens
der  einzelnen  Unterstützungsausschüsse  für  Kriegsarbeitslose
  ernstlich  verfolgt;  auch  die  Kreise  der  Gewerkschaften
  schärften  solchen  Gesinnungslosen  die
übernahme  von  Arbeit  als  heilige  Kriegspflicht  ein
in  einer  Zeit,  wo  es  gilt,  zur  Abwehr  der  großen
Gefahr  für  das  Vaterland  alle  Kräfte  anzuspannen.

Sozialpolitik  für  sonstige  durch  den  Krieg  in
Not  und  Hilfsbedürftigkeit  geratene  Personen.
Die  Kriegssozialpolitik  trägt  in  vielseitiger  Weise  auch
der  Hilfsbedürftigkeit  Rechnung,  in  die  der  breite
Mittelstand,  die  Hausbesitzer,  das  Handwerk,  die
mittlere  Beamtenschaft,  die  freien  Berufe  durch  den
Krieg  gedrängt  wurden.  Sie  setzt  damit  die  Mittelstandspolitik
  des  Friedens  kriegsmäßig  fort,  geleitet
von  der  überzengung.  daß  ein  gesunder,  wirtschaftlich
  kräftiger  Mittelstand  im  sozialen  und  wirtschaftlichen
  Auföan  unserer  Bevölkerung  nach  dem  Krieg

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