Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

380  Fünftes  Buch.  Der  Zusammenbruch.

Ueberlassung  Hannovers  auswirken,  das  es  inzwischen  widerstandslos
  besetzt  hatte.  Sicherheit  für  die  Zukunft  war  auch
damit  nicht  gewonnen,  und  die  theatralische  Scene  entsprach
der  Lage  nicht,  die  Alexander  an  dem  Sarge  Friedrichs  des
Großen  vor  dem  königlichen  Paare  spielte  mit  dem  pathetischen
Gelöbnis  unverbrüchlicher  Freundschaft.  Vielmehr  wurde  der
innere  Zwiespalt  der  preußischen  Politik  erst  recht  augenfällig.
Nur  ein  kleiner  Kreis  klar  blickender  Männer,  darunter
Hardenberg,  der  ritterliche  Prinz  Louis  Ferdinand,  General
Rüchel  und  der  Finanzminister  Freiherr  vom  Stein,  forderten
als  notwendige  Folge  des  Potsdamer  Vertrages  den  Krieg  gegen
Frankreich.  Der  König,  Haugwitz  und  die  Kabinettsräte  Lombard
  und  Beyme  meinten  auf  dem  geraden  Wege  zum  Frieden
zu  sein.

Als  Träger  der  bewaffneten  Vermittelung  Preußens  ging
Haugwitz  in  das  französische  Hauptquartier  nach  Brünn.  Nur
entsprach  die  Lage  schon  nicht  mehr  den  Voraussetzungen  des
Potsdamer  Vertrages.  So  begnügte  er  sich  bei  dem  Empfange
durch  den  Kaiser  (28.  November)  mit  allgemeinen  Andentungen
über  Preußens  Absichten.  Wenige  Tage  danach  wurden  Oesterreich
  und  Rußland  bei  Austerlitz  (2.  Dezember)  vollends  niedergeworfen.
  Oesterreich  bat  um  Frieden,  die  Russen  traten  unter
dem  Schutz  des  Waffenstillstandes  den  Rückmarsch  an.  Alerander
  rechnete  gar  nicht  mehr  auf  Preußen:  er  überließ  es
ihm,  sich  mit  Napoleon  zu  verständigen,  wie  es  ihm  möglich
sei,  und  wünschte,  es  möge  sich  durch  die  doch  nur  aus  Freundschaft
  für  ihn  gethanen  Schritte  in  dessen  Augen  nicht  kompromittiert
  haben,  um  in  demselben  Atem  zu  beteuern,  daß
er  es  in  jedem  Falle  mit  allen  seinen  Kräften  zu  unterstützen
bereit  sei  —  ein  Aufwogen  von  Selbstlosigkeit  und  Opferfreudigkeit
  ganz  im  Charakter  dieses  wie  ein  Rohr  schwankenden  Mannes,
das  Friedrich  Wilhelm  III.  dennoch  zu  Thränen  rührte.  Aber
wie  hätte  der  Imperator  sich  jetzt  zu  den  von  Preußen  geforderten
  Konzessionen  verstehen  sollen,  Trennung  der  Kronen
Italiens  und  Frankreichs,  Räumung  Deutschlands,  Neapels,  der
Schweiz  und  Hollands,  eine  bessere  Grenze  für  Oesterreich  in
Italien  und  Entschädigung  Sardiniens?  Wie  konnte  Preußen