Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

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Sophia  hätte  man  zu  leich  eine  Stellung  am  Mittelmeer
  gewonnen,  die  stärtue  und  sicherste  von  allen.
Die  zahlreichen  christlichen  Untertanen  der  Türkei
boten  eine  vortreffliche  Handhabe,  den  Zaren  zum
Horbetreie-  zu  stempeln.  Um  die  Mitte  des  19.  Jahrunderts

  glaubte  er  schon  nach  dem  Preise  greifen  zu
dürfen,  als  die  Westmächte  sich  ihm  in  den  Weg  legten;
  nur  Preußens  Zurückhaltung  bewahrte  Rußland
im  Krimkriege  vor  tieser  Demütigung  und  schweren
Verlusten.  Der  deutsch-französische  Krieg  gab  ihm
Gelegenheit,  das  Schwarze  Meer  mit  Bismarcks  Unterstützung
  wieder  frei  zu  machen  von  der  Sperre,  die
in  Pariser  Frieden  seiner  Flotte  auferlegt  war.  Frankreich
  kam  jetzt  als  Gegner  nicht  mehr  in  Frage.  So
glaubte  Rußland  1877  die  Zeit  gekommen,  von  neuem
u  versuchen,  was  1854  mißlungen  war.  Serben  und
Bulgoren  mußten  sich  erheben;  als  sie  den  Türken
unterlagen,  griff  es  selber  ein,  und  seine  Heere  gelangten,
  wenn  auch  nicht  ohne  Gegenschläge,  mit
rumänischer  Hilfe  bis  vor  Konstantinopel.  Im  Frieden
  von  San  Stefano  verzichtete  die  Türkei  im  März
1878  neben  anderem  auf  den  größten  Teil  ihres
europäischen  Besitzes;  er  sollte  ein  neu  zu  begründendes
  bulgarisches  Fürstentum  unter  nomineller  türkischer,
  in  Wirklichkeit  russischer  Oberleitung  werden.

Dem  widersetzten  sich  England  und  Osterreich.  Sie
wollten  den  Balkan  nicht  unter  russische  Herrschaft
gelangen  lassen.  Auf  dem  Berliner  Kongreß  sind  im
Juni  und  Juli  des  Jahres  die  Gegensätze  ausgeglichen
  worden.  Rußland  mußte  auf  ganz  azedonien
und  mehr  verzichten;  aber  Osterreich  besetzte  Bosnien
  und  die  Herzegowina,  und  England  ließ  sich  vom
Sultan  Cypern  abtreten.  Während  des  Krieges  hatte
Rußland  von  deutscher  Seite  eine  sehr  wohlwollende
Neutralität  genossen;  gegen  den  Druck  der  beiden
Mächte  vermochte  Bismarck  es  nicht  zu  decken,  obgleich
  er  sich  wahrlich  bemühte,  der  ehrliche  Makler#
zu  sein.

Bis  dahin  war  es  Bismarcks  Bestreben  gewesen,
durch  den  Dreikaiserbund,  die  Wiederbelebung  einer
Mächtegruppierung,  die  sich  seit  1815  wiederholt  stark
erwiesen  hatte,  Frankreichs  Revanchelust  in  Schach
zu  halten.  Schon  1872  hatte  er  die  drei  Kaiser  in
Berlin  zusammenführen  können.  Leiter  der  russischen
Politik  war  durch  alle  diese  Jahre  Fürst  Gortschakow,
der  sich  von  jeher  zu  Bismarck  in  einem  persönlichen
Gegensatz  gefühlt  hatte.  Er  hatte  schon  1875  eine
angebliche  Bedrohung  Frankreichs  durch  Deutschland
zum  Anlaß  genommen,  sich  als  ganz  üÜberflüssigen
Friedensstifter  aufzudrängen.  Jetzt  mußte  Bismarck
schuld  sein  an  Rußlands  Mißerfolg.  An  der  Newa
lenkte  man  in  die  Bahn  ein,  auf  der  man  mit  Frankreichs
  Hilfe  seine  orientalischen  und  panslawistischen
Ziele  zu  erreichen  hoffte.  Für  panslawistische  Politik
wäre  Deutschland  doch  unter  allen  Umständen  ein
Hindernis  gewesen.  Einer  der  wunderbarsten  Hergänge
  war  das  Umschwenken  und  Umdenken  der  Republikaner
  an  der  Seine.  Aus  den  Polenschwärmern
wurden  nicht  weniger  begeisterte  Russenfreunde,  aus
den  Kämpfern  für  Freiheit  und  Menschenrechte  phrasendreschende
  Verhimmeler  russischer  Gewaltherrschaft
und  Knutenordnung.

Die  Wendung  gebot  für  Deutschland  einen  engeren
Anschluß  an  Osterreich.  Ein  solcher  war  immer  Bismarcks
  Wunsch  gewesen;  nur  wollte  er  nicht  ein  Kondominat
  in  Deutschland,  weil  es  nicht  stärken,  sondern.
nur  schwächen  konnte.  So  hatte  er  1866  auf  einen
Frieden  bestanden,  der  einer  vollen  Aussöhnung  mit

I.  Politik  und  Geschichte

der  Donaumonarchie  möglichst  Raum  ließ;  in  ihr  sah
er  die  unerläßliche  Gewähr  für  die  Sicherheit  Mitteleuropas.
  Konnte  Rußland  angeschlossen  werden,  um
so  besser.  Jetzt  lag  doch  der  Zwang  vor,  sich  mit
Osterreich-Ungarn  näher  zu  verständigen;  1879  ward
das  Bündnis  geschlossen,  das  seitdem  bestanden  hat.
Bei  dem  Gegensatz  Osterreichs  zu  Rußland  in  der
orientalischen  Frage  mußte  es  zu  einer  gewissen  Abwendung
  Deutschlands  von  dieser  Macht  führen.
Bismarck  hat  es  doch  stets  verstanden,  wenn  auch
unter  wachsenden  Schwierigkeiten,  den  Faden  na

Rußland  in  der  Hand  zu  behalten.  Er  hat  1884  auf
drei  Jahre  den  sogenannten  Rückversicherungsvertrag
geschlossen  und  1887  für  ebensolange  Zeit  erneuert,
nach  welchem  Deutschland  keine  Hilfsverpflichtung
anerkannte,  wenn  Österreich  Rußland  angreife,  Rußlund
  nicht,  wenn  Frankreich  gegen  Deutschland  Krieg

eginne.

Dem  deutsch-österreichischen  Bunde  ist  1882  Italien
beigetreten.  So  kam  der  Dreibund  zustande,  der  in
wechselnden  Formen  gedauert  hat  bis  zu  seinem  Bruch
durch  Italien  im  gegenwärtigen  Kriege.  Anlaß  zum
Beitritt  Italiens  war  die  im  Jahre  zuvor  erfolgte
Besetzung  von  Tunis  durch  die  Franzosen.  Man
braucht  nur  an  Karthago  und  Rom  zu  denken,  um
sich  zu  vergegenwärtigen,  was  sie  für  Italien  bedeutete,
  zumal  Malta  in  Englands  Hand  war.  Dazu
kam,  daß  in  Tunesien  die  italienischen  Interessen  weit
überwogen,  dort  mehr  als  100.000  Italiener,  dagegen
nur  eine  kleine  Anzahl  Franzosen  ihrem  Erwerbe  nachingen.

  Crispi,  der  damals  Italien  leilete,  hatte  Verständnis
  für  seine  wahren  Interessen  und  vertrat  sie
mit  weitem  Blick.  Frankreichs  Vorgehen  war  einer
der  vielen  Schritte,  die  es  unternahm,  als  Ersatz  für
den  erlittenen  Verlust  und  die  Minderung  seines  Ansehens
  sein  Kolonialreich  zu  erweitern.  Es  hat  das
erreicht  mit  staunenswerter  Tatkraft  und  Folgerichtigkeit
  weit  über  das  Maß  dessen  hinaus,  was  es  früher
besaß;  in  Afrika  und  in  Hinterindien  hat  es  einen
zewaltigen  Kolonialbesitz  zusammengebracht.  Das
onnte  nicht  geschehen  ohne  Verschärfung  der  Spannung,
  die  seit  Jahrhunderten  zwischen  England  und
Frankreich  auf  dem  Gebiete  der  überseeischen  Kolonialund
  Handelsunternehmungen  bestanden  hatte.  Es
ab  eine  tiefe  Verstimmung  in  Frankreich,  als  Engand
  1882  aus  Anlaß  einer  nationalen  Erhebung
usuten  besetzte,  ein  Land,  das  durch  Frankreich  abendländischer
  Zivilisation  zugeführt  worden  war  und  das.
ihm  den  Suezkanal  verdankte.

In  dieser  Lage  der  Dinge  ist  Deutschland  unter
Bismarcks  Führung  in  die  Kolonialpolitik  eingetreten.

III.  Deutschlands  Solontalpolttik.

Es  ist  neuerdings  wiederholt  gegen  den  Begründer
des  Reiches  der  Vorwurf  erhoben  worden,  er  habe
kolonialer  Politik  nicht  das  nötige  Verständnis  und
Interesse  entgegengebracht,  sei  zu  sehr  in  festländischen,
  HPreußifchen  und  kleindeutschen  Anschauungen
befangen  gewesen.  Solcher  Vorwurf  kann  kaum  scharf

enug  zurückgewiesen  werden;  er  beruht  auf  völliger
Vericichung  der  Verhältnisse.  Niemand  wußteso  genau
wie  Bismarck,  unter  welchen  internationalen  Schwierigkeiten
  das  Deutsche  Reich  zustande  gekommen  war,
mit  welchen  Hindernissen  es  fortgesetzt  zu  kämpfen,
welche  Gefahren  es  zu  bestehen  hatte.  Wut  war  klar,
was  noch  heute  für  uns  die  Grundwahrheit  aller  politischen
  Weisheit  ist,  und  was  in  keiner  Weise  geän-