Full text : Abriß der Staatsbürgerkunde.

Strafrecht.  Strafverfahren.  Deutschlands  innere  Entwickelung.  27

von  zwölf  Geschworenen  (Laien)  gefällt  wird.  Auf  Grund  eines  richterlichen
Haftbefehls  können  die  eines  Verbrechens  Angeschuldigten  oder  Fluchtverdächtigen
in  Untersuchungshaft  genommen  werden.

IX.  Deutschland  als  Wirtschaftseinheit.

1.  Innere  Entwickelung.  Unsere  Vorfahren  waren  ein  Jäger=  und  Hirtenvolk,
  der  Ackerbau  spielte  in  ihrem  Haushalt  eine  untergeordnete  Rolle  und
wurde  den  Frauen  und  Unfreien  überlassen.  Erst  nach  der  Völkerwanderung
begannen  die  einzelnen  Stämme  die  Ackerflur  an  ihre  Angehörigen  aufzuteilen,
und  Deutschland  wurde  allmählich  ein  Land,  das  über  seinen  Bedarf  hinaus
Getreide  erzeugte.  Diese  Stellung  nahm  es  auch  im  19.  Jahrhundert  noch  ein,
bis  in  den  70er  Jahren  ein  Umschwung  eintrat,  der  mit  der  wachsenden  Bevölkerung
  und  dem  Aufblühen  der  Industrie  im  inneren  Zusammenhange  steht.

Das  Gewerbe  war  Jahrhunderte  hindurch  nicht  über  den  Rahmen  des
Kleinhandwerks  hinausgekommen.  Die  Zersplitterung  des  Reiches  in  Hunderte
von  kleinen  Staaten,  die  vielfachen  Kriege,  die  Erschwerung  des  Handels  durch
unzählige  Abgaben  und  Zölle,  die  Eifersucht  der  Städte  untereinander  verhinderten
  eine  kräftige  Entwickelung  der  Industrie.  Nur  einige  Städte,  besonders
in  Süddeutschland,  erzeugten  Waren  für  die  Ausfuhr  (Augsburger  Tuch).

Der  erste  Staat,  der  durch  einheitliche  Leitung  zu  einer  industriellen  Entfaltung
  gelangte,  war  Preußen.  Durch  die  zum  Teil  harten  Maßnahmen  seiner
Herrscher  im  17.  und  18.  Jahrhundert  (besonders  Friedrich  Wilhelms  I.)  wurden
  die  bestehenden  Gewerbe  gefördert  und  eine  Reihe  neuer  Industrien  eingeführt.
  Man  nennt  diese  weitgehende  staatliche  Bevormundung  Merkantilismus;

  er  war  auch  in  den  übrigen  deutschen  Staaten  zu  finden,  jedoch  nicht  in
dem  Maße  wie  in  Preußen.

Im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  trugen  eine  Reihe  von  Umständen  zu  dem
gewaltigen  Aufschwung  des  Handels  und  Gewerbes  bei,  den  wir  heute  beobachten
  können.  Die  Erfindung  der  Werkzeugmaschinen  (mechanischer  Webstuhl,
Spinnmaschine),  der  Dampfmaschinen  und  der  Eisenbahn,  die  Beseitigung  der
inneren  Zollgrenzen  durch  Schaffung  des  Zollvereins  und  schließlich  die  Vereinigung
  der  deutschen  Einzelstaaten  zum  Deutschen  Reich  gestalteten  das  Verhältnis
  der  einzelnen  Berufsgruppen  zueinander  völlig  um.  In  welchem  Maße
die  Verschiebung  sich  auch  in  den  letzten  Jahrzehnten  noch  vollzogen  hat,  zeigt
uns  deutlich  die  Tabelle  I.  Aus  ihr  ist  besonders  die  hohe  Vermehrung  der  in
Handel  und  Gewerbe  Tätigen  ersichtlich.

Hand  in  Hand  mit  der  Vermehrung  der  in  der  Industrie  beschäftigten  Personen
  geht  eine  starke  Zunahme  der  Großbetriebe.  Aus  dem  Handwerk  entwickelt
  sich  die  Fabrik,  im  Handel  treten  die  großen  Spezialgeschäfte,  Warenhäuser
  und  Großbanken  auf,  und  die  modernen  Verkehrsanstalten  erfordern.
Hunderttausende  von  Angestellten.  Dadurch  entstehen  die  Arbeiterklasse  und  die
große  Zahl  von  Beamten,  alle  in  unselbständigen  Stellungen.  Einem  Leiter
unterstehen  oft  Tausende  von  Angestellten,  die  Interessengegensätze  beider
werden  immer  schärfer,  die  Arbeiter  einerseits  und  die  Arbeitgeber  andererseits
schließen  sich  zu  Verbänden  zusammen.

Str.  Pr.  O.
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