Full text : Realienbuch Nr. 3 (3)

1  Eeschichte.  85

außerpreußischen  Ländern  anwerben,  wobei  nicht  selten  Gewalt  und  List  gebraucht  wurde.
Wer  Soldat  war,  mußte  es  bleiben,  solange  seine  Kräfte  ausreichten;  die  Landeskinder
wurden  aber  jährlich  zur  Ernte  längere  Seit  beurlaubt.  Die  Sucht  war  hart;  denn
man  meinte,  die  Soldaten  ohne  Prügel  nicht  ausbilden  und  in  Ordnung  halten  zu  können.
Kusreißer  wurden  grausam  mit  Ruten  geschlagen  oder  mit  dem  Tode  bestraft.  Die
Offiziere  ernannte  der  König  selbst  und  nahm  sie  fast  nur  aus  dem  grundbesitzenden
Kdelstande,  damit  sie  bei  späterer  Dienstunfähigkeit  nicht  Not  litten.  Er  gründete
auch  Kadettenanstalten,  auf  denen  junge  Edelleute  für  den  Kriegsdienst  erzogen  wurden.
—  Bei  der  Zusbildung  des  heeres  wurde  der  König  von  dem  Fürsten  Leopold  von
Anhalt,  „dem  alten  Dessauer“,  unterstützt.  Dieser  führte  den  gleichen  Schritt
und  den  eisernen  Ladestock  ein.  Die  Soldaten  wurden  geübt,  in  drei  Eliedern  dicht
geschlossen  und  in  schnurgeraden  Linien  vorzurücken,  dabei  von  Seit  zu  Seit  gleichzeitig
  Feuer  abzugeben  und  im  Marsche  wieder  schnell  zu  laden.  Man  nahm  am
liebsten  hochgewachsene  Leute,  weil  diesen  das  Laden  der  Gewehre  leichter  wurde.
Friedrich  Wilhelm  I.  hatte  eine  große  Dorliebe  für  diese  „langen  Kerls“.  Crotz
seiner  sonstigen  Sparsamkeit  gab  er  große  Summen  aus,  wenn  er  einen  besonders
langen  Mann  anwerben  konnte.  Das  Dotsdamer  Ceibregiment,  dessen  Gberst  der
König  selbst  war,  bestand  aus  lauter  Riesen.  Es  gewährte  einen  prächtigen  Anblick,
wenn  die  stattlichen  Männer,  die  auf  dem  Kopfe  noch  hohe  Blechmützen  trugen,  ihre
Ubungen  abhielten.  Bei  aller  Strenge  sorgte  der  König  väterlich  für  seine  „blauen
Kinder".  Er  erlaubte  ihnen  zu  heiraten  und  baute  ihnen  in  Dotsdam  kleine  Wohnhäuser,
  in  denen  sie  nebenher  ein  handwerk  betrieben.  Sie  durften  ihm  auch  ihre
Wünsche  persönlich  vortragen.  Wenn  den  Uönig  die  Gicht  plagte,  beschäftigte  er  sich
damit,  die  längsten  seiner  Leibgrenadiere  abzumalen.  Eine  Knzahl  dieser  Bilder  mit  der
Unterschrift  des  Königs  „Gemalt  unter  großen  Schmerzen“  ist  jetzt  noch  vorhanden.  In
Dotsdam,  das  Friedrich  Wilhelm  sehr  liebte,  und  das  er  erst  zu  einer  ansehnlichen
Stadt  gemacht  hat,  errichtete  er  ein  großes  Militärwaisenhaus.  —  Für  die  Derteidigung
des  Landes  wurde  durch  Kusbau  der  Hestungen  Spandau,  Küstrin  und  Magdeburg  gesorgt.

3.  Friedrich  Wilhelm  I.  als  Landesvater.  a)  Verwaltung.  Wenn  der  Ulönig
zur  Besichtigung  der  Truppen  im  Lande  umherreiste,  achtete  er  mit  scharfen  Zugen
darauf,  daß  seine  Beamten  treu  ihre  Hflicht  erfüllten;  unfähige  und  unehrliche  setzte
er  rücksichtslos  ab.  Um  so  sparsam  wie  möglich  zu  wirtschaften,  richtete  er  die
Oberrechnungskammer  ein,  die  sämtliche  Ausgaben  der  Derwaltung  genau  nachprüfen
  mußte.  In  der  Behörde,  die  an  der  Spitze  der  verschiedenen  Derwaltungszweige
  stand,  dem  „Generaldirektorium“,  führte  er  selbst  den  Dorsitz.  Zuf  diese  Weise
gelang  es  ihm,  überall  musterhafte  Ordnung  herzustellen  und  einen  gewissenhaften  Beamtenstand
  zu  schaffen.  Die  Steuerfreiheit  der  Rittergüter  hob  Friedrich  Wilhelm  I.  auf,  obgleich
sich  der  Qdel,  besonders  in  Ostpreußen,  heftig  dagegen  sträubte.  Den  Städten  nahm
er  das  Recht,  sich  selbst  zu  verwalten;  die  Bürger  konnten  ihm  aber  bestimmte  Männer
als  Bürgermeister  vorschlagen.  Zuf  den  Dörfern  vertraten  die  Edelleute  oder  die
Dächter  der  königlichen  Güter  die  Gbrigkeit.  —  In  der  Rechtspflege  verlangte  der
König  schnelle  Entscheidung  der  Proazesse.  Gerichtliche  Urteile,  die  ihm  nicht  gefielen,
änderte  er  nicht  selten  eigenmächtig  ab.

b)  Ackerbau.  Als  viele  Tausende  protestantischer  Bewohner  des  Bistums
Salzburg  ihres  Glaubens  wegen  die  heimat  verließen,  bot  ihnen  Friedrich  Wilhelm  J.

in  seinem  Lande  eine  Suflucht.  In  Ostpreußen,  das  durch  die  pest  fast  entvölkert
Franke-Schmeil,  Realienbuch.  Ausg.  A.  I.  Geschichte.  2.  Zufl.  6