Full text : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1901. (92)

440  Straßburg  (1885  bis  1894)

Stock,  wo  ich  die  Kaiserin  Viktoria  fand.  Sie  ist  sehr  niedergebeugt,  sehr
angegriffen,  und  ich  überzeugte  mich,  daß  sie  die  ganze  letzte  Zeit,  das
ganze  letzte  Jahr  hindurch  künstliche  Heiterkeit  zur  Schau  getragen  hat.
Denn  jetzt  fand  ich  sie  tieftraurig.  Sie  konnte  vor  Weinen  anfangs  nicht
sprechen.  Erst  sprachen  wir  von  den  letzten  Tagen  des  Kaisers,  dann
belebte  sie  sich  und  sprach  über  die  Bosheit  und  Gemeinheit  der  Menschen,
womit  sie  bestimmte  Persönlichkeiten  meinte.  Man  wolle  das  Andenken
des  Kaisers  verdunkeln  und  sage  jetzt,  er  sei  eigentlich  gar  nicht  fähig
gewesen  zu  regieren  und  habe  gar  nichts  getan,  während  er  doch  angestrengt
  gearbeitet  und  selbständige  Entschlüsse  gefaßt  habe.  Herbert
Bismarck  habe  die  Frechheit  gehabt,  dem  Prinzen  von  Wales  zu  sagen,
daß  ein  Kaiser,  der  nicht  diskutieren  könne,  eigentlich  nicht  regieren  dürfe
u.  s.  w.  Der  Prinz  habe  gesagt,  wenn  er  nicht  Wert  auf  die  guten  Beziehungen
  zwischen  England  und  Deutschland  legte,  so  würde  er  ihn  zur
Tür  hinausgeworfen  haben.

Von  dem  Vater  Bismarck  sagte  sie,  er  habe  nun  zwanzig  Jahre  unumschränkt
  regiert  und  habe  es  nicht  ertragen  können,  einem  Willen  bei
dem  Monarchen  zu  begegnen.  Der  junge  Kaiser  sei  ganz  in  seinen  Händen.
Man  könne  noch  nicht  wissen,  was  er  tun  werde.  Der  Puttkamersche  Fall
sei  vom  Kaiser,  nicht  von  ihr  hervorgerufen  worden.  Bismarck  habe  Puttkamer
  selbst  los  sein  wollen  und  habe  das  Odium  der  Entlassung  auf  den
Kaiser  übertragen,  wie  er  es  denn  überhaupt  verstehe,  das  Odium  dessen,
was  er  tue,  auf  andre  abzuladen.  Als  die  Rede  auf  Waldersee  kam,
sagte  sie,  er  sei  ein  falscher,  gewissenloser  Mensch,  dem  es  nicht  darauf
ankommen  werde,  sein  Vaterland  ins  Verderben  zu  stürzen,  wenn  sein
persönlicher  Ehrgeiz  befriedigt  werde.  Auch  Kaiser  Friedrich  habe  ihm
nicht  getraut  und  ihn  für  falsch  angesehen.  Zum  Schluß  trug  sie  mir  auf,
Thesy  und  Amalie  für  ihre  Briefe  zu  danken.

Ich  ging  noch  zum  Prinzen  von  Wales,  der  vorsichtig  sprach,  aber
über  die  Grobheit  der  Familie  Bismarck,  Vater  und  Sohn,  entsetzt  ist.
Den  Paßzwang  und  das  System,  Frankreich  zu  irritieren,  begreift  er  nicht.
Dann  nach  Berlin  zurück  mit  Reischach,  der  nun  Hofmarschall  der  Kaiserin
Viktoria  wird.

Schillingsfürst,  27.  Juni  1888.

Gestern  Abend  8  Uhr  fuhr  ich  mit  Thaden  von  Berlin  ab,  nachdem
ich  noch  mit  Viktor  und  Franz  im  „Kaiserhof“  gegessen  hatte.

Den  Tag  füllten  verschiedene  Besuche  aus.  Friedberg  fand  ich  etwas
gedrückt.  Er  ist  nicht  mehr  der  große  Mann,  der  er  zur  Zeit  Kaiser
Friedrichs  war,  wo  alles  ihm  die  Cour  machte.  Er  weiß,  daß  der  Kaiser
die  Semiten  nicht  protegiert.  Dann  besuchte  ich  den  neuen  Kabinettsrat
Lucanus,  einen  höflichen,  glatten,  verbindlichen  Mann,  der  eher  wie  ein