Volltext : Von Luther zu Bismarck. Zweiter Band. (2)

124  Bismarck

Deutschlands,  vor  allem  mit  Bayern,  die  Rheinbundsidee,  wird  in
jenen  Tagen  zu  Grabe  getragen.  Es  ist  zweifellos,  daß  Kaiser  Napoleon,
  wenn  er  an  die  früheren  Gespräche  mit  Bismarck  zurückdachte
und  dessen  Haltung  damit  verglich,  sich  von  dem  preußischen  Minister
  für  gründlich  getäuscht  halten  mußte  und  daß  ein  heftiger
Zorn  in  seiner  Brust  gegen  ihn  Platz  griff.  Überdies  wuchsen  die
inneren  Schwierigkeiten  des  Kaisertums  in  Frankreich  ins  Riesengroße,
  nur  ein  glänzender  Erfolg  der  äußeren  Politik  konnte  es
retten.  So  blickte  man  jenseits  des  Rheins  sehnsüchtig  nach  einer  Gelegenheit
  aus,  an  Preußen  und  Bismarck  sein  Mütchen  zu  kühlen.
Triumphierend  waren  König  Wilhelm  und  seine  Mitarbeiter  aus
dem  Kriege  heimgekehrt:  der  Erfolg  gab  ihnen  recht,  die  Heeresorganisation
  hatte  sich  bewährt!  Nun  er  glänzend  ausgefallen  war,
grollte  niemand  mehr  über  den  mörderischen  Bruderkrieg;  noch  unter
dem  frischen  Eindrucke  des  Sieges  ergaben  die  Neuwahlen  eine  imposante
  Mehrheit  für  die  Regierung.  Auch  hier  wußte  Bismarck  sich
zu  mäßigen  und  seine  Achtung  vor  Recht  und  Gesetz  zum  Ausdruck
zu  bringen,  er  ging  nicht  hohnvoll  über  die  Leiber  der  besiegten
parlamentarischen  Feinde  zur  Tagesordnung  über,  sondern  brachte
ihnen  ein  herrliches  Totenopfer:  er  kam  um  Indemnität  ein  für  das
Geschehene,  für  die  verflossene,  schreckliche,  budgetlose  Zeit!  Das
war  klug  und  war  gerecht,  zwei  Eigenschaften,  die  sich  nicht  immer
decken  können.  Rastlos  wurde  weitergearbeitet  an  der  Konsolidierung
der  Verhältnisse  in  Deutschland;  nun  konnte  Bismarck  bereits  in
aller  Stille  anfangen,  das  Wörtlein  „deutsch“  für  „preußisch“  einzusetzen.
  Der  Norddeutsche  Bund  entstand,  bekam  eine  Verfassung,
einen  Reichstag;  einen  einseitigen  Eintritt  Badens  lehnte  Bismarck
ab:  er  wolle  den  Milchtopf  nicht  abrahmen!  Ganz  Süddeutschland
sollte  es  sein,  oder  gar  nichts.  Ganz  Süddeutschland  gewann  er  aber
wenigstens  für  sein  Zollparlament,  das  zuerst  1869  zusammentrat
und  in  dem  —  in  Anlehnung  an  den  Zollverein  von  1834  —  auf
wirtschaftlichem  Boden  auch  die  parlamentarische  Einheit  Deutschlands
  vorbereitet  wurde.  In  der  Eröffnungssitzung  sprach  Bismarck
zu  den  Vertretern  von  Süddeutschland:  „Hier  werden  Sie  Bruderherzen
  und  Bruderhände  finden  für  alle  Tage  des  Lebens.“  Die
süddeutschen  Staaten  waren  überdies  kurz  vorher  durch  die  Veröffentlichung
  der  Napoleonischen  Ansprüche  auf  ihr  Gebiet  stark  im
antifranzösischen  Sinne  beeinflußt  worden.  Unauphörlich  arbeiteten
Bismarcks  Mitstreiter  Roon  und  Moltke  an  der  Kraft  des  preußischen
Heeres,  von  unvergleichlichem  Werte  waren  ihnen  die  Erfahrungen