Full text : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

Meisterzüge  auf  dem  Schachbrett  der  Politik.  243

hing  und  dessen  Bevölkerung  den  Anschluß  an  Preußen  wünschte,  ließ  Österreich
  sich  bereit  finden,  sein  Mitanrecht  Preußen  für  2500  000  dänische  Thaler
(5262000  Reichsmark)  abzutreten.

Seitens  Preußens  wurde  nun  Generalleutnant  von  Manteuffel  zum
Statthalter  von  Schleswig  ernannt,  Osterreich  setzte  für  Holstein  den  Feldmarschallleutnant
  Baron  von  Gablenz  ein.  Der  Besitzergreifung  Lauenburgs
  durch  Preußen  am  23.  September  folgte  schon  am  26.  die  „Erbhuldigung“
  der  Vertreter  der  Ritterschaft  und  Landschaft,  welche  der  König
selbst  entgegennahm.

Bismarcks  Verdienst  um  diese  für  Preußen  günstigen  Abmachungen
wurde  vom  Könige  durch  Verleihung  des  Grafentitels  belohnt;  zugleich  wurde
Bismarck  zum  Minister  für  Lauenburg  ernannt.  Die  Auszeichnungen,  welche
dem  verdienten  Staatsmann  zu  teil  wurden,  galten  aber  nicht  nur  seinem  erfolgreichen
  Eingreifen  auf  dem  Gebiete  der  hohen  Politik,  sondern  sie  drückten
zugleich  auch  den  Dank  des  Monarchen  für  die  hervorragende  Geschicklichkeit
aus,  mit  welcher  Bismarck  die  Verhandlungen  mit  den  Staaten  des  Zollvereins
wegen  dessen  Weiterentwickelung  und  Fortdauer  (1864)  und  wegen  der  neuen
Handelsverträge  mit  Frankreich,  Belgien,  Italien  und  Osterreich  zum  Abschluß
  gebracht  hatte.

Für  die  Verdienste,  die  Graf  Bismarck  sich  erworben,  blieb  jedoch  die
große  Mehrheit  der  Vertreter  des  Volkes  noch  immer  blind.  Das  am
15.  Januar  1866  zusammengetretene  Haus  der  Abgeordneten  zeigte  sich  gerade
so  unversöhnlich  wie  bisher.  Es  erklärte  am  3.  Februar  die  Vereinigung  des
Herzogtums  Lauenburg  mit  der  Krone  Preußen  so  lange  für  rechtsungültig,
als  nicht  die  verfassungsmäßige  Zustimmung  beider  Kammern  des  Landtags
erfolgt  sei.  Die  Entgegennahme  dieses  Beschlusses  verweigerte  Bismarck,
indem  er  unter  Anführung  mehrerer  Stellen  der  Verfassungsurkunde  bemerkte,
daß  er  das  Hans  nicht  für  berechtigt  halte,  einen  vom  Könige  geschlossenen
Staatsvertrag,  welcher  dem  Lande  keine  Lasten  auferlege,  zu  verwerfen.

So  wuchs  im  Lande  die  Erbitterung,  während  gleichzeitig  in  der  auswärtigen
  Politik  die  Anzeichen  sich  mehrten,  welche  auf  Gewittersturm  deuteten.
Das  Wetterleuchten  begann  schon.

Niemand  konnte  ernstlich  erwarten,  daß  Preußen  die  neugewonnene  Stellung
  an  der  Nord=  und  Ostsee  wieder  aufgeben  werde.  Da  aber  von  österreichischer
  Seite  fortgesetzt  im  geheimen  gegen  Preußen  gewühlt  wurde,  sah
sich  die  preußische  Regierung  schließlich  veranlaßt,  in  ernsten  Worten  an  die
kaiserliche  Regierung  in  Wien  das  Verlangen  zu  richten,  daß  sie  aufhöre,  in
den  Herzogtümern  eine  die  preußischen  Interessen  aufs  äußerste  schädigende
Gärung  in  den  Gemütern  zu  unterhalten,  da  ein  Beharren  in  der  bisherigen
Gehässigkeit  zum  Bruche  der  durch  den  Gasteiner  Vertrag  kaum  erst  erneuerten
Verbindung  führen  müsse.

Wenige  Tage  vor  Absendung  dieser  Beschwerde  nach  Wien  war  der
Landtag  geschlossen  worden.  Die  äußeren  Verwickelungen  waren  so  sehr  in
den  Vordergrund  getreten,  daß  sie  alle  Kräfte  der  preußischen  Regierung  allein
in  Anspruch  nahmen.  Die  Antwort  des  österreichischen  Kabinetts  erfolgte  schon

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