Metadaten : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

Thouvenels  Dementi  betr.  Einmischung  Frankreichs  in  die  kurhessische  Frage.  363

gerichtete  diplomatische  Einwirkung  streng  untersagt  habe.  Ich  glaube,  daß  Graf  Rechbergs
Nachricht  aus  der  Luft  gegriffen  ist.

*322.  Vertraulicher  Bericht  an  Minister  Graf  Bernstorff.

[Ausfertigung.]
6.  Juni  1862.

Auf  E.  E.  telegraphische  Weisung  vom  3.  d.  M.,  die  Nachrichten  des  Grafen
Rechberg  über  französische  Einwirkung  auf  den  Kurfürsten  von  Hessen  betreffend,  habe  ich
Gelegenheit  genommen,  mit  Herrn  Thouvenel,  während  ich  vorgestern  bei  ihm  eingeladen
war,  zu  sprechen.  Das  Ergebnis  habe  ich  E.  E.  in  der  Hauptsache  schon  telegraphisch  zu
melden  die  Ehre  gehabt.¹)  Der  kais.  Minister  wies  die  Unterstellung,  als  ob  irgendein  uns
feindlicher  Einfluß  von  der  französischen  Diplomatie  in  Kassel  geübt  werden  könnte,  mit
großer  Entschiedenheit  zurück.  „J'y  oppose  le  démenti  le  plus  formel  en  mon  nom  et
même  en  celui  de  I’Empereur“,  sagte  er,  und  sprach  sich  mit  großer  Entrüstung  über  eine
Intrige  aus,  die,  wie  er  sagte,  vollständig  aus  der  Luft  gegriffen  sei  und  nur  von  einer
Seite  her  erfunden  sein  könne,  wo  man  der  Verstimmung  zwischen  Preußen  und  Frankreich
  als  Basis  der  eignen  Politik  bedürfe.  Er  fügte  hinzu,  daß  er  die  ganze  hessische
Angelegenheit  als  eine  innere  deutsche  betrachte,  in  welche  Frankreich  sich  nicht  einzumischen
  habe,  in  welcher  es  aber  die  vollsten  Sympathien  für  Preußen  und  nicht  das
mindeste  Interesse  für  den  Kurfürsten  hege.

Herr  Thouvenel  äußerte  im  Laufe  des  Gesprächs,  seine  Lebhaftigkeit  steigernd,  die
Absicht,  dem  Ursprung  des  fraglichen  Gerüchts  auf  den  Grund  zu  gehen,  um  sich  gegen  die
Wiederholung  ähnlicher  Manöver  sicherzustellen.  Ich  bat  ihn,  von  jedem  weiteren
Schritt  abzustehen,  da  meine  Anfrage  nur  eine  ganz  vertrauliche  und  ich  im  voraus  von
der  Unrichtigkeit  des  Gerüchtes  überzeugt  gewesen  sei.

Ich  erlaube  mir  hinzuzufügen,  daß  die  Nachrichten  des  Grafen  Rechberg  in  der  Tat
an  innerer  Unwahrscheinlichkeit  leiden.  Wenn  es  die  Absicht  des  Kaisers  Napoleon  wäre,
die  hessische  Frage  zu  benutzen,  um  uns  Schwierigkeiten  zu  bereiten,  so  wäre  einerseits  der
Moment,  in  welchem  man  großes  Gewicht  auf  die  Durchführung  des  Handelsvertrags
legt,  ein  übelgewählter,  andererseits  wäre  es  zu  früh,  jetzt  schon  mit  einer  feindlichen
Haltung  gegen  uns  hervorzutreten,  wenn  das  Pariser  Kabinett  wirklich  beabsichtigte,  uns
in  Verlegenheiten  zu  verwickeln.

323.  Vertraulicher  Bericht  an  Minister  Graf  Bernstorff.

[Ausfertigung.]
6.  Juni  1862.

Unter  den  Gegenständen,  welche  S.  M.  der  Kaiser  und  andere  Persönlichkeiten  in
diesen  Tagen  mit  mir  besprochen  haben,  nimmt  die  polnische  Frage  und  die  Ernennung  des

hin,  daß  der  Kurfürst  sich  an  alle  Unterzeichner  der  Wiener  Kongreß-Akte  wende.  Es  würde  indirekt  im

Widerspruch  stehen  mit  den  Aeußerungen  des  Thouvenel,  welche  Prinz  Reuß  unter  dem  22.  Mai  telegraphisch

und  im  Bericht  Nr.  58  gemeldet  hat.  Suchen  Sie  soviel  und  sobald  als  möglich  sich  Aufklärungen  über  die

Sache  und  über  die  etwaigen  Absichten  und  Hintergedanken  der  französischen  Regierung  zu  verschaffen. Berichten

  Sie  telegraphisch.“  —  Ueber  die  hessische  Sache  vgl.  Sybel,  Begründung  des  Deutschen  Reiches  II  416 ff.
1)  Vgl.  Nr.  321.