kaiserlichen Auftrage, „auf dem bieher eingeschlagenen Wege weiterzuarbeiten“,
das heißt also so viel ale möglich und angemessen für das Deutsche Neich herauszuschlagen.
6.
Als die Dertreter der Mittelmächte anfangs Januar wieder in Brest-Litowst
eintrafen, hatte die Entente sich nicht gerührt. Die gestellte Frist
war abgelaufen. Nun handelte es sich nur noch um den Sonderfrieden.
Die Russen kamen. Sie patten Verstärkung mitgebracht: der Volksbeauftragte
Trotzki kam in höchsteigener Person.
Aber nun stellte sich heraus, daß er keineswegs mehr das ganze ebemalige
Reich des weißen Zaren vertrat. Denn noch eine zweite unerwartete
Erscheinung tauchte am Verhandlungstisch auf.
Die Russen hatten das Selbstbestimmungerecht der Völker verkündet. Damit
hatten sie die eiserne Fessel gelöst, welche ungefähr 112 Völkerschaften zum
Einbeitostaate zusammengeschlossen hatte. Das mächtige Pfellbündel zerfiel.
Aus dem Nationalitätenstaate wurde ein Chaos.
Wer hat vor dem Kriege etwas von der Ukraine gewußt? Mit einigem
Staunen erfuhr die Welt, daß sich im Süden des europäischen Rußland im ungefähren
Umfange der russischen Gouvernemente Kiew, Tschernigow, Poltawa
und Charkow elne „ukrainische Volksrepublik“ gebildet habe. Die sich jetzt
Ukrainer benannten, das war der Volkestamm der Klelnrussen oder Ruthenen,
dessen Sprachgebiet über die Grenzen der genannten russischen Gouvernements
erheblich pinausreichte. Erst allmählich rückten die Ukrainer mit der Sprache
heraus und gestanden, daß ihr neuer Staat nach Selbstbestimmungerecht das
gesamte ruthenische Sprachgebiet, also außer den bereite genannten vormale
kaiserlich russischen Gebieten auch das von den Polen beanspruchte Geblet von
Cholm, ferner vom Besitzstande der Doppelmonarchie Ostgalizien und die
ruthenische Bukowina beanspruchte.
Die ohnehin genügend verwickelte Lage in Brest hatte sich durch diese Neugruppierung
bie zur Unlöebarkeit kompliziert.
Was aber das Schlimmste war: mit Krotzki war bei den Russen ein ganz
neuer Geist eingezogen. Er konnte zwar gegen die Zulassung der Mralner kein
grundsätzliches Bedenken außern, ließ aber alsbald heimlich die bolschewistische
Garde gegen die Uraine marschieren.
In den Verhandlungen führte er das große Wort. Aber nicht, um die vorhandene
Wirrnie zu entwirren und zu praktischen Friedensergebnissen zu kommen.
Um etwas ganz anderes war'e ihm zu tun: er schmeichelte sich mit der Hoffnung,
von Brest aus die Sowjetideale über die ganze Welt Hinauszuschleudern
und als der Helland einer ganz neuen Erden-Ara die Weltreoolution zu entflammen.
Zugleich überschwemmte die Sowjetregierung die deutschen Fronten
mit Propagandaschriften und aufreizenden Funksprüchen.
Ludendorff ließ den General Hoffmann, mit dem er nur noch durch einen
Generalstabsoffizier verkehrte, zu weitgehendem Entgegenkommen anwelsen.
Deutschland erklärte sich bereit, in Kurland und Litauen auf das Ergebnie der
von der deutschen Verwaltung Inszenierten Volkaabstimmung, welche für An-139