Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

kaiserlichen  Auftrage,  „auf  dem  bieher  eingeschlagenen  Wege  weiterzuarbeiten“,
das  heißt  also  so  viel  ale  möglich  und  angemessen  für  das  Deutsche  Neich  herauszuschlagen.


6.

Als  die  Dertreter  der  Mittelmächte  anfangs  Januar  wieder  in  Brest-Litowst
  eintrafen,  hatte  die  Entente  sich  nicht  gerührt.  Die  gestellte  Frist
war  abgelaufen.  Nun  handelte  es  sich  nur  noch  um  den  Sonderfrieden.

Die  Russen  kamen.  Sie  patten  Verstärkung  mitgebracht:  der  Volksbeauftragte
  Trotzki  kam  in  höchsteigener  Person.

Aber  nun  stellte  sich  heraus,  daß  er  keineswegs  mehr  das  ganze  ebemalige
  Reich  des  weißen  Zaren  vertrat.  Denn  noch  eine  zweite  unerwartete
Erscheinung  tauchte  am  Verhandlungstisch  auf.

Die  Russen  hatten  das  Selbstbestimmungerecht  der  Völker  verkündet.  Damit
  hatten  sie  die  eiserne  Fessel  gelöst,  welche  ungefähr  112  Völkerschaften  zum
Einbeitostaate  zusammengeschlossen  hatte.  Das  mächtige  Pfellbündel  zerfiel.
Aus  dem  Nationalitätenstaate  wurde  ein  Chaos.

Wer  hat  vor  dem  Kriege  etwas  von  der  Ukraine  gewußt?  Mit  einigem
Staunen  erfuhr  die  Welt,  daß  sich  im  Süden  des  europäischen  Rußland  im  ungefähren
  Umfange  der  russischen  Gouvernemente  Kiew,  Tschernigow,  Poltawa
und  Charkow  elne  „ukrainische  Volksrepublik“  gebildet  habe.  Die  sich  jetzt
Ukrainer  benannten,  das  war  der  Volkestamm  der  Klelnrussen  oder  Ruthenen,
dessen  Sprachgebiet  über  die  Grenzen  der  genannten  russischen  Gouvernements
erheblich  pinausreichte.  Erst  allmählich  rückten  die  Ukrainer  mit  der  Sprache
heraus  und  gestanden,  daß  ihr  neuer  Staat  nach  Selbstbestimmungerecht  das
gesamte  ruthenische  Sprachgebiet,  also  außer  den  bereite  genannten  vormale
kaiserlich  russischen  Gebieten  auch  das  von  den  Polen  beanspruchte  Geblet  von
Cholm,  ferner  vom  Besitzstande  der  Doppelmonarchie  Ostgalizien  und  die
ruthenische  Bukowina  beanspruchte.

Die  ohnehin  genügend  verwickelte  Lage  in  Brest  hatte  sich  durch  diese  Neugruppierung
  bie  zur  Unlöebarkeit  kompliziert.

Was  aber  das  Schlimmste  war:  mit  Krotzki  war  bei  den  Russen  ein  ganz
neuer  Geist  eingezogen.  Er  konnte  zwar  gegen  die  Zulassung  der  Mralner  kein
grundsätzliches  Bedenken  außern,  ließ  aber  alsbald  heimlich  die  bolschewistische
Garde  gegen  die  Uraine  marschieren.

In  den  Verhandlungen  führte  er  das  große  Wort.  Aber  nicht,  um  die  vorhandene
  Wirrnie  zu  entwirren  und  zu  praktischen  Friedensergebnissen  zu  kommen.
Um  etwas  ganz  anderes  war'e  ihm  zu  tun:  er  schmeichelte  sich  mit  der  Hoffnung,
  von  Brest  aus  die  Sowjetideale  über  die  ganze  Welt  Hinauszuschleudern
und  als  der  Helland  einer  ganz  neuen  Erden-Ara  die  Weltreoolution  zu  entflammen.
  Zugleich  überschwemmte  die  Sowjetregierung  die  deutschen  Fronten
mit  Propagandaschriften  und  aufreizenden  Funksprüchen.

Ludendorff  ließ  den  General  Hoffmann,  mit  dem  er  nur  noch  durch  einen
Generalstabsoffizier  verkehrte,  zu  weitgehendem  Entgegenkommen  anwelsen.
Deutschland  erklärte  sich  bereit,  in  Kurland  und  Litauen  auf  das  Ergebnie  der
von  der  deutschen  Verwaltung  Inszenierten  Volkaabstimmung,  welche  für  An-139