Full text : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

222  Zweiter  Teil:  Das  Lehrlingswesen  in  der  Industrie.

Naturgemäß  werde  dadurch  die  Ausbildung  leicht  von  Anbeginn  an
zu  sehr  spezialisiert  und  es  sei  daher  dem  System  der  Gruppenausbildung,
  resp.  der  Ausbildung  in  besonderen  Abteilungen  durch
spezielle  Lehrmeister,  entschieden  der  Vorzug  einzuräumen.  Die
konkreten  Verhältnisse  und  Bedürfnisse  hätten  es  bis  jetzt  verhindert,
dieses  letztere  System  zu  adoptieren.  Man  versuche  daher,  den  Lehringen
  eine  allgemeinere  Einsicht  in  die  gesamte  Produktionsweise
des  Berufszweiges  dadurch  zu  vermitteln,  daß  man  sie  entsprechend
hren  Fähigkeiten  und  ihrer  Begabung  von  der  leichteren  zur
schwereren  Berufsarbeit  fortschreiten  lasse  und  ihnen  Gelegenheit  gebe,
wenn  immer  möglich  mit  allen  Verrichtungen  ihres  Berufes
aründlich  vertraut  zu  werden.

Vielfach  werden  die  Lehrlinge  nicht  einem  bestimmten  Arbeiter
zur  Ausbildung  überwiesen,  sondern  sie  arbeiten  in  den  einzelnen
Kolonnen  unter  Aufsicht  des  Kolonnenführers  mit.  So  wurden  sie
5.  B.  im  Bezirk  Hannover  in  einer  Reihe  von  Vetrieben  nacheinander
einzelnen  Arbeitskolonnen  zugeteilt  und  hierbei  je  einem  besonderen
Vorarbeiter  überwiesen.  Die  Ausbildung  wird  auch  in  diesem  Falle
als  eine  planmäßige  bezeichnet  (Hannover,  1906).  Aus  dem  Cölner
Bezirk  wird  mitgeteilt,  daß  die  Zuteilung  an  einzelne  Kolonnen,  wie
man  sie  vereinzelt  antreffe,  die  Vermutung  möglichster  Ausnutzung
der  jungen  Leute  seitens  des  Kolonnenführers  zulasse,  andererseits
habe  aber  gerade  dieses  Bestreben  ein  Vorgfaltiges  Obachtgeben  auf
den  Lehrling  im  Gefolge.  Im  Bezirk  Düsseldorf  fand  sich  im  Jahre
1903  in  einer  Maschinenfabrik  das  sogenannte  Kolonnensystem  eingeführt,
  bei  dem  einer  Kolonne  von  zwei  bis  drei  Gesellen  und  einem
Vorarbeiter  fünf  bis  sechs  Lehrlinge  zugeteilt  waren.  Diese  Kolonnen
bekamen  einen  sogenannten  Gruppenakkord,  an  dem  die  Lehrlinge
beteiligt  wurden.  Die  Oberaufsicht  führte  auch  hier  der  Meister.

Besonders  gute  Resultate  scheinen  erzielt  zu  werden,  wenn  die
Lehrlinge  in  Gruppen  vereinigt  werden  und  unter  besonderen
Meistern  arbeiten.  So  hat  z.  B.  im  Anhalter  Bezirk  eine  Firma  in
ihren  Fabriken  das  System,  daß  die  Lehrlinge  in  besonderen  Abteilungen
  ausgebildet  werden,  wobei  sie  in  kleineren  Kolonnen  unter
Anleitung  tüchtiger  Vorarbeiter  beschäftigt  werden,  bis  sie  schließlich
auch  zur  Aneignung  einer  gewissen  Dispositionsfähigkeit  ganz  selbständig
  arbeiten.  Die  Betriebsleitung  hat  mit  dieser  Einrichtung
durchaus  zufriedenstellende  Erfahrungen  gemacht  berichte  der
Gewerbeinspektoren,  1906).  Auch  im  Colner  Bezirk  hat  es  sich  z.  B.
in  größeren  Drehereien  für  alle  Beteiligten  als  zweckmä  big  erwiesen,
die  Lehrlinge  einem  Meister  zu  unterstellen,  dessen  Hauptaufgabe
die  Anleitung  der  Lehrlinge  bildet  (Bericht  1906).  Für  das  Jahr
1909  wird  aus  dem  Bezirk  Chemnitz  mitgeteilt,  daß  die  Inhaber
einer  größeren  Maschinenfabrik  die  Ausbildung  der  Lehrlinge
tüchtigen  Arbeitern  übertragen  haben,  in  der  Erkenntnis,  daß  die
bisher  übliche  Lehrlingsausbildung  zur  Erzielung  tüchtiger  Berufsarbeiter
  nicht  ausreichte,  weil  es  den  Werkmeistern  an  der  dazu
erforderlichen  Zeit  mangelte.  Die  betreffenden  Arbeiter  haben  ihre
Arbeitsstellen  inmitten  der  Lehrlinge,  überwachen  deren  Tätigkeit