318 Viertes Buch. Der Ausbau des preußischen Königtums.
rich II. an seiner Großmutter, sie erst habe den Geist der Ge—
selligkeit, wahre Feinheit und Liebe zu Künsten und Wissen—
schaften nach Preußen verpflanzt. Leitete sie dabei nicht immer
ein sachliches Interesse, sondern gelegentlich auch die Rücksicht
auf den Effekt: jedenfalls nahm sie die Anregungen verständ—
nisvoll auf, die ihr philosophischer Freund ihr gab, nicht ohne
dabei auf Mehrung seines eigenen Ruhmes zu denken und
Friedrich als den Urheber einer neuen Blüte der Wissenschaft
zu schmeicheln. So entstand die Berliner Akademie der Wissen—
schaften, die teils praktischen Zwecken dienen sollte, wie der
Begründung der protestantischen Mission im Orient und der
Hebung der Landeskultur durch Einführung des Seidenbaues,
teils zur obersten Aufsichtsbehörde für das gesamte Unterrichts—
und Bücherwesen bestimmt war. Zunächst freilich blieb ihre
Wirksamkeit recht bescheiden, wozu auch der Tod der Königin
(1705) und die dadurch bewirkte Lockerung der Verbindung
Leibniz' mit dem Berliner Hofe beitrug. Viel mehr als sie
trug damals zur Hebung des geistigen Lebens überhaupt die
Universität Halle bei: unter geschickter Benutzung der günstigen
Umstände, welche die Niederlassung des aus Leipzig verwiesenen
Christian Thomasius herbeiführte, 1694 errichtet, wirkte sie
durch freisinnige Opposition gegen das gelehrte Zopftum und
das orthodoxe Luthertum weithin befreiend und anregend und
gewann der prenßischen Krone den Ruhm einer weitherzigen
Beschützerin des geistigen und kirchlichen Fortschritts.
Kirchliches Freidenkertum zwar lag Friedrich I. fern: seine
und seines Hofes Haltung war ausgesprochen kirchlich. Von
jeher gehört es zu den charakteristischen Zügen des absoluten
Königtums, daß sein Träger mit dem ihm ja allein übergeordneten
lieben Gott auf gutem Fuße stehe, das durch demonstrative
Kirchlichkeit bethätige und so den göttlichen Ursprung
seiner Macht stets in Erinnerung bringe. Die davon untrennbaren
Verirrungen haben auch hier nicht gefehlt. Friedrich hat
sogar ein Gebet, das er am dritten Jahrestage seiner Krönung
verfaßte, drucken lassen, und das 297 Fragen beantwortende
Glaubenobekenntnis, das seine Tochter erster Ehe, Luise Dorothea,
bei der Einsegnung 1693 öffentlich ablegte, erweckt durch