220 Buch III. Kap. 5.
Hierzu kam die verdumpfende Langeweile des adeligen
Schlosslebens in Gegenden, die von der Glanzentfaltung
der alamodischen Zeit und des Rokoko abseits lagen.
Ferner der Anblick von so vielen unglücklichen Ehen in den
aristokratischen Kreisen, woraus die Frauen die Ueber—
zeugung schöpften, eine lebendigere Religiosität könnte auch
hierfür Abhilfe bringen. Endlich machte es die Aufrechthaltung
der strengen Standesbegriffe einer Unzahl adeliger
Mädchen unmöglich, unter die Haube zu kommen, woraus
folgte, daß die Altejungfernwelt ein ergiebigstes Feld der
Rekrutirung für den Pietismus wurde. Denn lieben
muß das Weib. Hat es keinen Geliebten, keinen Gatten,
keine Kinder zu lieben, so wirft es sich dem Heiland in die
Arme oder nicht selten auch ganz unwürdigen Schwindlern,
welche sich das Ansehen von Aposteln zu geben verstehen.
Alle die angedeuteten Motive wirkten zusammen, um vom
Aufgange des Pietismus an eine Menge von deutschen
Vornehmen den Kreisen der „Erweckten“ zuzuführen.
Erweckte Frauen beeinflussten in diesem Sinne bestimmend
ihre Männer und Söhne und so bildete sich eine
Kette von pietistischen Adelsfamilien, welche sich vom
Südwesten Deutschlands bis in den Osten und Norden
erstreckte. Die fürstlichen und gräflichen Häuser der
Solms, Stolberg, Isenburg, Wittgenstein, Leiningen,
Reuß, Promnitz, Dohna waren vortretende Ringe dieser
Kette. Im 3. Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts hat der
Pietismus, wie bekannt, im Herrnhuterthum, als dessen
Apostel Graf Ludwig von Zinzendorf eine außerordentliche
Thätigkeit entfaltete, auch den Versuch gemacht,