Full text : Bismarck und das päpstliche Rom.

sehe,  das  dadurch  seine  treuesten  Untertanen  und  die  wichtigste
  Stellung  Österreichs  im  Herzen
Deutschlands  verloren  hat;  ich  wage  nur,  Ew.K.  Majestät
auf  diese  Gewissensnot,  auf  diese  Gefährdung  der  Religion  in
diesen  alten  habsburgischen  Ländern  aufmerksam  zu  machen
und  alleruntertänigst  Allerhöchstdieselben  zu  bitten,  in  hoher
Weisheit  erwägen  zu  wollen,  ob  es  nicht  an  der  Zeit  ist,  die
Großherzoglich  Badische  Regierung  daran  zu  erinnern,  daß
diese  alten  Habsburger  Untertanen  doch  nicht  dem  Großherzogtum
  von  Baden  als  gänzlich  rechtlose  Menschen  übergeben
worden  sind,  und  daß  es  diese  Landesteile  nur  unter  der  Bedingung
  besitze,  daß  sie  die  Religion  und  das  Gewissen  derselben
achte  und  ihnen  Einrichtungen  und  Bildungsanstalten  und
Schulen  gewähre,  wie  sie  das  katholische  Gewissen  fordern  muß!“
Mehr  als  diesen  Wink  mit  dem  Zaunpfahle,  damit  der
Habsburger  in  der  Hofburg  zu  Wien  sich  möglichst  bald  wieder
seiner  ‚treuesten  Untertanen‘‘  im  ‚Herzen  Deutschlands‘‘  bemächtige,
  welche  ihre  römischen  Seelsorger  unterdessen  für  ihn
warm  zu  halten  so  beflissen  waren,  konnte  der  Mainzer  Bischof,
der  als  Stellvertreter  des  Erzbischofs  in  Freiburg,  welcher  dem
Großherzoge  von  Baden  die  Treue  und  den  Staatsgesetzen  Gehorsam
  geschworen  hatte,  das  badische  Land  alljährlich  zur
Firmelung  bereiste,  allerdings  nicht  „wagen“.  Im  erzbischöflichen
  Palaste  zu  Freiburg  und  im  Vatikan  aber  setzte  man  seit
Jahr  und  Tag  alle  Hebel  in  Bewegung,  um  diesen  Bischof
v.  Ketteler  als  Koadjutor  und  Nachfolger  des  greisen  Vicari
selbst  auf  den  Freiburger  Thron  zu  bringen,  welches  „Kreuz“
er  zwar  den  lieben  Herrgott  bat,  von  ihm  abzuwenden,  das  er
aber  gegebenenfalls  dennoch  auf  sich  zu  nehmen  bereit  war.
Deswegen  sollte  der  Großherzog  von  Baden,  wie  der  in
Konstanz  zur  Welt  gekommene  Hermann  v.  Vicari  selbst  zu  versichern
  nicht  müde  wurde,  doch  keinen  ‚„herzergebeneren‘‘  Untertan,
  als  ihn,  den  Freiburger  Erzbischof  haben.  Diesem  ‚‚herzergebenen‘“
  Untertan  entschlüpfte  allerdings  gelegentlich,  da  er  den
Klerus  frei  von  jeder  Staatsaufsicht  heranbilden  und  vorbehaltlos
in  der  Hand  zu  haben  begehrte,  die  Äußerung:  was  Seine  K.
Hoheit  dazu  sagen  würde,  wenn  er  dessen  Soldaten  erziehen
sollte?  Anstatt  derjenigen  der  Ecclesia  militans!
Inzwischen  ließ  sich  Bischof  v.  Ketteler  in  den  Landen,
die  er  so  gern  wieder  unter  habsburgischem  Zepter  gewußt  hätte,