Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

Auf  Grund  früherer  Erfahrungen  hatten  die  Heeresleitungen  der  Mittelmächte
  angenommen,  Rußlands  Modilmachung  werde  etwa  seche  Wochen  in
Anspruch  nehmen.  Das  war  ein  noch  viel  gründlicherer  Irrtum,  als  auf  seiten
unserer  Felnde  die  Annahme,  wir  würden  nicht  imstande  seln,  vor  dem  Ablouse
von  vlerzehn  Tagen  selt  der  Krlegeeröffnung  dereits  entscheidende  Schläge  zu
fübren.  In  Wlrklichkeit  trat  Rußland  schon  am  21.  August  in  voller  Kriegsrüstung
  auf  den  Plan.

2.

Wo  würde  slch  der  russische  Aufmarsch  vollzlehen?  Welche  Richtung  würde
der  erste  Ansturm  der  östlichen  Milllonenheere  nehmen?  Nur  die  Karte  konnte
bierauf  etwas  wle  eine  Antwort  geben.  Denn  so  völlig  war  Rußland  gerüstet,
daß  es  ihm  dereite  vom  ersten  Tage  des  Krlegedeglnns  an  gelang,  dle  Bereltstellung
  selner  Massen  durch  einen  dichten  Schleier  von  Deckungstruppen  zu
verhüllen.  Auf  der  anderen  Selte  hatte  der  unterirdische  Zusammenhang,
der  schon  lange  vor  dem  Krlege  zwolschen  der  Bormacht  dee  Slawentume  und
den  flawischen  Völkerschaften  der  Donaumonarchie  bestand,  Rußland  in  die
Lage  gesetzt,  ganz  Osterrelch  und  insbesondere  dle  Grenzlande  mit  elnem  weitgedehnten
  Retz  von  Splonage  zu  überzlehen,  deren  Einwlrkung  sich  in  den
Schlachten  dee  Kriegsbeginne  aufe  drückendste  demerkbar  machen  sollte.

Ein  Bllck  auf  die  Karte  lehrt,  daß  Rußland  sich  gegenüder  den  Mittelmächten
in  elner  höchst  elgenortigen  strateglschen  Lage  befand.

Der  russische  Antell  on  der  Beute  der  polnlschen  Tellung  in  Verbindung
mit  seinen  Erwerbungen  während  der  napoleonischen  Zelt  kam  der  Heeresleltung
dee  Zaren  setzt  zugute.  In  weltem  Bogen  rogte  Russlsch-Polen  tlef  in  das
Seblet  der  Mlttelmächte  hlnein.  Ost-  und  Westpreußen  waren  auf  zwel  Seiten
elnes  Blerecks  von  russischem  Gebiet  umklammert,  die  österrelchlschen  Kronländer
Salizlen  und  Bukowina  gar  auf  zwel  Seiten  eineo  Dreiecks.

Allerdinge  war  von  vornherein  anzunehmen,  daß  der  Russe  seine  Armeen
nlcht  Innerhalb  dieses  vorspringenden  Telles  seines  Gebletes  versammeln
würde.  ODarauf  wles  schon  die  Anlage  der  russischen  Festungen  hin.  Diese  defanden
  sich  nicht  alle  an  der  Grenze,  welche  Rußland  mit  Heutschland  und  ÖOsterrelch
  gemeinsam  hatte,  sondern  zum  Tell  bedeutend  weiter  rückrärte,  so  daß
gerabe  jenes  vorspringende  Geblet  außerhalb  der  Festungellnle  lag.  Im  Osten
von  Ostpreußen  slcherten  Kowno  und  Erodno  den  Ajemenlauf,  Ossowiec,
Lomscha,  Pultusk  die  Narewlinle,  Warschau  und  Iwangorod  dle  Weichsellinle,
während  gegennber  der  vorspringenden  Ecke,  mit  der  sich  Gallzlen  lne  russische
Geblet  binelnschiebt,  das  wolhpnlsche  Festungedreleck  Luczt,  Dubno,  Rowno
llch  entgegenstemmte.  Im  Schutze  dleser  durch  Flußläufe  und  gewaltige  Festungen
  gesicherten  Linle,  so  war  mlt  Bestlmmtpelt  anzunehmen,  wücde  sich  der
russische  Aufmarsch  vollzlehen.  Die  Deeresleltungen  der  Mittelmächte  aber
batten  Grund  zu  elner  noch  etwas  genauer  bestimmten  Annahme.  Sie  vermuteten
  die  Versammlung  der  russischen  Stceltkräfte  im  Raume  zwischen  dem
Oberlauf  der  Weichsel  von  Warschau  aufwärts  und  des  Bug.  Olese  Vermutung
bat  sich  destätigt.

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