Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

748  Kußland.  (Oktober  23.—27.)

weisungen  das  politische  Regime  der  poln.  Gebiete  im  Deutschen  Reiche,  der
tschech.  Länder  und  der  anderen  slaw.  Gebiete  Oesterreichs  mit  Stillschweigen.

Von  der  russischen  Presse  nehmen  nur  der  unabhängig  sozialistische
„Djen“  und  das  maximalistische  Ordrgan  Gorkis  „Nowaja  Schisn“  den  Anweisungen
  gegenüber  eine  günstige  Haltung  ein.  (Ueber  die  Auffassung
der  Mittelmächte  f.  Tl.  1  S.  941  f.  und  Tl.  2  S.  194.)

23.  Okt.  (Petersburg.)  Der  A.=  u.  S.-Rat  beschließt  die
Schaffung  eines  besonderen  revolutionären  Generalstabes  zur  Verteidigung
  der  Hauptstadt.

Dieses  Organ  nimmt  die  Leitung  des  von  den  Maximalisten  gegen
die  Prov.  Regierung  geplanten  Aufstandes  in  die  Hand  (s.  S.  750  f.).

23.—27.Okt.  (Petersburg.)  Vorparlament:  Landesverteidigung.

Die  Erörterungen  der  Fragen  der  Landesverteidigung  werden  durch
eingehende  Darlegungen  des  Kriegsministers  Werchowski  und  des  Marineministers
  Wederewski  über  die  gefährdete  Lage  des  Landes  eröffnet.
Nachdem  sodann  der  frühere  Generalissimus  General  Alexejew  auf  die
verhängnisvollen  Folgen  der  in  Rußland  überhandnehmenden  Friedenssehnsucht
  hingewiesen  hat,  entwickelt  Ministerpräsident  Kerenski  das  Programm
  der  Regierung  über  die  Organisation  der  Armee,  soweit  er  sie  seit
seiner  Ministerpräsidentschaft  und  seit  er  die  Funktionen  des  Kriegsministers
und  des  Generalissimus  übernahm,  durchgeführt  habe.

Am  24.  wählt  das  Vorparlament  einen  Ausschuß  der  nationalen
Verteidigung,  der  sich  aus  41  Mitgliedern  zusammensetzt.  —  Am  27.  nimmt
das  Vorparlament  einen  von  diesem  Ausschuß  eingebrachten  Beschlußantrag
an,  der  die  Erklärung  der  Regierung  zur  Kenntnis  nimmt,  die  Hauptstadt
energisch  zu  verteidigen,  dort  solange  wie  möglich  zu  bleiben  und  die  Verfassunggebende
  Versammlung  nach  Petersburg  einzuberufen.

27.  Okt.  Der  Zentralsowjet  gegen  die  Maximalisten.

Der  Zentralausschuß  der  A.=  u.  S.-Räte  nimmt  mit  allen  Stimmen
gegen  drei  einen  Beschlußantrag  an,  der  den  für  den  2.  Nov.  nach  Petersburg
  einberufenen  Kongreß  der  Bezirks-Arbeiter-  und  Soldatenräte  mißbilligt,
  da  ein  derartiges  Unternehmen  am  Vorabend  der  Verfassunggebenden
Versammlung  den  Bürgerkrieg  heraufbeschwören  könnte.

Dieser  Beschluß  richtet  sich  gegen  den  Petersburger  A.=  u.  S.-Rat.
Dieser  ist  jetzt  bolschewistisch,  mit  Trotzki  an  der  Spitze,  während  der
allrussische  Zentralausschuß  (s.  S.  705)  von  koalitionsfreundlichen  Menschewiki
  und  Sozial.-Revolutionären  beherrscht  wird.

27.  Okt.  (Moskau.)  Konferenz  der  (antidemokr.)  Politiker.

Die  von  dem  früheren  Dumapräsidenten  Rodzianko  geleitete  Konferenz
der  antidemokr.  Poliliker,  die  ein  Gegengewicht  zum  Vorparlament  bilden
soll,  nimmt  am  Schlusse  ihrer  Beratungen  folgende  Entschließung  einstimmig
an:  Die  Konferenz  beauftragt  ihre  Vertreter  im  Petersburger  Vorparlament,
bei  der  Regierung  darauf  zu  bestehen,  daß  die  Armee  sofort  der  Politik  entzogen,
die  Tätigkeit  der  Regimentsausschüsse  auf  einen  ausschließlich  wirtschaftlichen
Wirkungzskreis  beschränkt  und  die  Manneszucht  wieder  eingeführt  wird,  ferner
daß  die  Macht  der  Zentrale  und  der  Ortsgewalten  befestigt,  die  öffentliche
Ordnung  überall  durch  die  Verkündigung  des  Kriegszustandes  in  den  von
der  Anarchie  ergriffenen  Gebieten  wiederhergestellt  und  auf  alle  gefährlichen
Versuche  verzichtet  wird,  das  wirtschaftliche  Leben  des  Landes  auf  sozialistischen
  Grundsätzen  aufzubauen.