Full text : Ludendorff, meine Kriegserinnerungen 1914-1918

28  Lüttich

 

und  links.  So  kamen  wir  langsam  vorwärts.  Ich  mußte  oft  die  Mannschaften,
  die  nur  zögernd  vorgingen,  ermahnen,  mich  nicht  allein  gehen  zu
lassen.  Endlich  lag  das  Dorf  hinter  uns.  Die  Bevölkerung  war  übrigens  geflüchtet.
  Es  handelte  sich  hier  um  Kämpfe  gegen  die  reguläre  belgische  Armee.

Beim  Heraustreten  aus  dem  Dorf  erkannten  wir  nach  der  Maas  zu
eine  in  Richtung  Lüttich  marschierende  Kolonne.  Ich  hoffte,  es  wäre  die-27.
  Inf.  Brig.  Es  waren  aber  Belgier,  die  über  die  Maas  kopflos  abzogen,
  statt  uns  anzugreifen.  Lange  Zeit  dauerte  es,  bis  die  Lage  festgestellt
  war.  Inzwischen  verstärkten  sich  die  bei  mir  befindlichen  Kräfte
durch  das  Eintreffen  zurückgebliebener  Soldaten.  Der  Durchbruch  durch
die  Fortlinie  war  gelungen.  Das  Infanterie-Regiment  165  unter  seinem
hervorragenden  Kommandeur,  dem  damaligen  Oberst  v.  Oven,  rückte  geschlossen
  heran.  General  v.  Emmich  traf  ein.  Der  Vormarsch  auf  die
Chartreuse  wurde  fortgesetzt.

General  v.  Emmich  stellte  mir  noch  Teile  der  weiter  südlich  angesetzten
  11.  Inf.  Brig.  zur  Verfügung  in  der  Annahme,  daß  auch  sie  durchgebrochen
  sei.  Der  Weitermarsch  fand  ohne  Zwischenfälle  statt.  Im  Angesicht
  der  Werke  an  der  Nordfront  Lüttichs  erstiegen  wir  aus  dem  Maastal
die  Höhen  östlich  der  Chartreuse.  Als  die  Brigade  dort  eintraf,  war  es
etwa  2  Uhr  geworden.  Die  Geschütze  wurden  gegen  die  Stadt  gerichtet.
Ab  und  zu  wurde  ein  Schuß  abgegeben,  teils  als  Signalschuß  für  die
anderen  Brigaden,  teils  um  den  Kommandanten  und  die  Stadt  willfährig
zu  machen.  Ich  mußte  sorgfältig  mit  der  Munition  haushalten,  sie  war
sehr  knapp  geworden.  Die  Truppe  war  erschöpft  und  durch  den  zersetzenden
  Kampf  teilweise  stark  mitgenommen.  Die  Offiziere  hatten  ihre  Pferde
verloren.  Die  Feldküchen  waren  zurückgeblieben.  Ich  ließ  die  Brigade
rasten  und  verpflegte  sie,  so  gut  es  ging,  durch  Beitreibungen  aus  den  umliegenden
  Häusern.

Bald  erreichte  General  v.  Emmich  wieder  die  Brigade.  Von  den
Höhen  östlich  der  Chartreuse  hatten  wir  einen  schönen  üÜberblick  über  die
Stadt.  Sie  lag  zu  unseren  Füßen.  Aus  ihr  heraus,  auf  dem  jenseitigen
Ufer  der  Maas,  erhob  sich  die  Zitadelle.  Dort  wurden  plötzlich  weiße
Fahnen  gesetzt.  General  v.  Emmich  wollte  einen  Parlamentär  hinsenden.
Ich  schlug  vor,  den  feindlichen  zu  erwarten.  Der  General  blieb  bei  seinem
Entschluß.  Hauptmann  v.  Harbou  ritt  in  die  Stadt.  Um  7  Uhr  abends
kam  er  wieder:  die  weiße  Flagge  wäre  gegen  den  Willen  des  Kommandanten
  gezeigt.  Zum  Einmarsch  in  Lüttich  war  es  zu  spät  geworden.
Eine  schwere  Nacht  stand  bevor.

Inzwischen  hatte  ich  die  Brigade  sich  einrichten  lassen.  Unsere  Lage
war  ungemein  ernst.  Von  den  anderen  Brigaden  kam  keine  Nachricht,
auch  von  der  11.  nicht.  Meldereiter  waren  nicht  durchgekommen.  Es