Full text : Gedanken und Erinnerungen. Zweiter Band. (2)

184  Sechsundzwanzigstes  Kapitel:  Intrigen.

Correspondenz  fand  in  den  letzten  Tagen  des  Jahres  1877  statt,
und  meine  neue  Erkrankung  fiel  grade  in  die  Neujahrsnacht.

Der  Kaiser  antwortete  mir  auf  das  Schreiben  Roons,  er  sei
über  das  Sachverhältniß  getäuscht  worden  und  wünsche,  daß  ich
seinen  vorhergehenden  Brief  als  nicht  geschrieben  betrachte.  Jede
weitre  Verhandlung  mit  Bennigsen  verbot  sich  durch  diesen  Vorgang
  von  selbst,  ich  hielt  es  aber  in  unserm  politischen  Interesse
nicht  für  zweckmäßig,  Letztern  von  der  Beurtheilung  in  Kenntniß
zu  setzen,  die  seine  Person  und  Candidatur  bei  dem  Kaiser  gesunden
  hatte.  Ich  ließ  die  für  mich  definitiv  abgeschlossene  Unterhandlung
  äußerlich  in  suspenso;  als  ich  dann  wieder  in  Berlin  war,
ergriff  Bennigsen  die  Initiative,  um  die  seiner  Meinung  nach  noch
schwebende  Angelegenheit  in  freundschaftlicher  Form  zum  negativen
Abschluß  zu  bringen.  Er  fragte  mich  im  Reichstagsgebäude,  ob  es
wahr  sei,  daß  ich  das  Tabakmonopol  einzuführen  strebe,  und  erklärte
  auf  meine  bejahende  Antwort,  daß  er  dann  die  Mitwirkung
„als  Minister  ablehnen  müsse.  Ich  verschwieg  ihm  auch  dann  noch,
daß  mir  jede  Möglichkeit,  mit  ihm  zu  verhandeln,  durch  den  Kaiser
schon  seit  Neujahr  abgeschnitten  war.  Vielleicht  hatte  er  sich  auf
#anderm  Wege  überzeugt,  daß  sein  Plan  einer  grundsätzlichen  Modification
  der  Regirungspolitik  im  Sinne  der  nationalliberalen  Anschauungen
  bei  dem  Kaiser  auf  unüberwindliche  Hindernisse  stoßen
würde,  namentlich  seit  einer  von  Stauffenberg  gehaltenen  Rede
über  die  Nothwendigkeit  der  Abschaffung  des  Art.  109  der  preußischen
  Verfassung  (Forterhebung  der  Steuern).

Wenn  die  nationalliberalen  Führer  ihre  Politik  geschickt  betrieben
  hätten,  so  hätten  sie  längst  wissen  müssen,  daß  bei  dem
Kaiser,  dessen  Unterschrift  sie  zu  ihrer  Ernennung  bedurften  und
begehrten,  es  keinen  empfindlicheren  politischen  Punkt  gab  als  diesen
Artikel,  und  daß  sie  sich  den  hohen  Herrn  nicht  sichrer  entfremden
konnten  als  durch  den  Versuch,  ihm  dieses  Palladium  zu  entreißen.
Als  ich  Sr.  Majestät  vertraulich  den  Verlauf  meiner  Verhandlungen
mit  Bennigsen  erzählte  und  dessen  Wunsch  in  Betreff  Stauffenbergs