Metadata : Zwischen Krieg und Frieden. Band 11. Das Deutsche Elend in London. (11)

muß  seine  saͤmtlichen  Papiere  vorzeigen,  verschiedentlich
unterschreiben  und  wird  schließlich  von  einem  recht  gewöhnlichen
  Weib  bis  aufs  Hemd  nach  Briefen  durchsucht,  selbst
die  Haare  sind  vor  ihren  wuͤhlenden  Haͤnden  nicht  sicher.
Endlich  ist  der  Weg  zum  Schiff  freigegeben.  Wohlmeinende
Englaͤnder  hatten  uns  mit  Entsetzen  abfahren  sehen,  unserem
sicheren  Untergang  entgegen.  Aber  wir  wollen  alles  gern
auf  uns  nehmen,  Minen,  Krieg,  Hungersnot,  wenn  es  nur
heim  geht,  fort  aus  diesem  entsetzlichen  Land.  In  Rotter—
dam  empfinden  wir  sofort  den  Gegensatz,  wir  werden  aufs
zuvorkommendste  aufgenommen,  obgleich  alles  von  Menschen
uͤberfuͤllt  ist.  Man  hat  den  Eindruck,  dieses  Land  rechnet
es  sich  zur  Ehre,  Fremden  die  bestmoͤglichste  Gastfreundschaft
zu  erweisen.  Leider  ist  die  Gesinnung  nicht  deutschfreundlich,
  sie  glauben  eben  doch  an  unsere  Schuld  am  Krieg,
und  die  belgischen  Flüchtlinge  haben  ihnen  entsetzliche  Greueltaten
  der  Deurschen,  die  sie  mitangesehen  (1),  erzählt.  Endlich
  hat  der  Zug  deutschen  Boden  erreicht.

Unser  grenzenloses  Erstaunen  ist  nicht  zu  beschreiben,
als  da  alles  war  wie  immer.  Ruhig  und  unbehindert  ging
die  Fahrt  vor  sich,  nirgends  „rauchende  Trümmer“  oder
nur  auch  zerstampfte  Felder,  und  die  Art,  wie  man  sich  in
den  Bahnhöfen  verpflegte,  sah  nichts  weniger  als  nach
Hungersnot  aus.  Man  sah  wohl  hin  und  wieder  einzelne
verwundete  Soldaten,  aber  die  Beförderung  ging  so  still
und  geräuschlos  vor  sich  —  man  kam  sich  wie  in  einem
Traum  vor.  Wie  einem  das  wohl  tat,  diese  Hilfsbereitschaft
  überall,  für  alles  war  in  einer  Weise  gesorgt,  daß
man  nur  staunen  mußte.  So  ganz  das  Gegenteil  von  England
  und  von  dem,  was  wir  erwartet.  Und  dann  diese

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